Humboldt wird missbraucht

… meint zumindest der Berliner Bildungstheoretiker Heinz-Elmar Tenorth im aktuellen Interview mit dem Uni-Spiegel. Er bezieht sich dabei auf die Auslegung des Humbolt’schen Bildungsideals, was gerne als „zweckfrei“ hingestellt wird: „Humboldt wurde und wird missbraucht, um Interessen durchzusetzen. Meist dient er als Traditionskeule: Es darf sich nichts ändern, was laut Mythos ihm, Humboldt, zugeschrieben wird.“ (ebd., S. 2) Auf die Frage, wie unser Bildungssystem aussehen würde, wenn Humboldts Prinzipien fest verankert worden wären, antwortet der Forscher zudem: „Unsere Schulen wären eigenständiger, lokal stärker verankert und dort in der Verantwortung, staatlich finanziert, aber nicht gegängelt. Wir hätten eine Gesellschaft, die viel in Bildung investiert, wie Humboldt das forderte. Humboldt hinterlässt uns insofern eine Vision.“ (ebd., S. 1) In jedem Fall ein interessantes Interview, das mit diversen Vorurteilen/Meinungen aufräumt. Achso, was Bildung eigentlich ist, wurde neulich auch in der FAZ besprochen; ein ebenso lesenswerter Artikel für diejenigen, die sich mit dem Thema auseinander setzen (wollen).

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9 Antworten auf Humboldt wird missbraucht

  1. rotegraefin sagt:

    Der Mensch ist eben in der Lage aus dem Besten das Schlechteste zu machen und umgekehrt.
    Diese Freiheit des Menschen sollten wir ganz einfach in den Blick bekommen und damit schaffen wir dann auch bessere Bedingungen für ein besseres Zusammenleben.
    Leider ist ist der Ruf nach dem Staat mal wieder zu allgemein. Wir müssen zu einer Einstellung kommen, wie zu Ende der DDR „Wir sind der Staat“

  2. Mehr Wir-Gefühl kann in jedem Fall nicht schaden, allerdings – und da fehlt mir (leider) die Verbindung zu Humboldt, wie soll Wir-Gefühl die Schulen etc. stärken? Ist es so gemeint, dass man durch besseres Zusammenleben eine Kultur der Verantwortung schafft, folglich viele daran interessiert sind, sich in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen einzubringen? Wir-Gefühl allein löst ja noch keine Handlungen, sondern (zunächst) eine positive (Grund-)Haltung aus…

    Viele Grüße,

    Sandra

  3. rotegraefin sagt:

    Es gibt Menschen die fühlen sich für das Ganze verantwortlich und wissen, dass sie im Kleinen anfangen müssen und glauben, das sie wenn sie im Kleinen Unrecht tun dies auch im Großen geschieht und umgekehrt.
    „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“ Darum ist es so wichtig in der Pädagogik ist es darum so wichtig zu ermutigen und Impulse in eine positive Bewegung einfließen zu lassen.
    Wir leben zur Zeit in einer Kultur des krassen Egoismus. Die Fragen was habe ich davon? Was hat dir das gebracht? gekoppelt mit den Das lasse lasse ich mir nicht sagen, nicht bieten!
    Führen zu verblüffter Sprachlosigkeit und Rückzug oder zu unübersichtlichem Mobbing. Beides führt zu verantwortungslosem Handeln, weil der Sinn für eine gemeinsame Aufgabe verloren geht. Die positive Grundhaltung wird somit wenn sie da war im Keime erstickt.
    Sie kann wieder hergestellt werden, wenn wir mit der Grundhaltung : „Ich bin ok, Du bist ok!“ wieder beginnen. Wenn ich davon ausgehe, dass der andere ok ist, dann kann ich ihn fragen, was ich bei ihm nicht verstehe. Ich glaube, das nennt man heute emotionale Kompetenz.

  4. Ja, Zeiten ändern sich: Wir beobachten die veränderte Grundhaltung z.B. bereits an Studierenden, d.h. viele von ihnen wägen sehr genau ab, ob sie sich freiwillig für etwas engagieren oder nicht. An der Uni fürchtet man unter anderem den Verfall des Ehrenamts und ist schon auf der Suche nach alternativen Lösungen (z.B. Befreiung von Studiengebühren für nachweisbares Engagement). Ein anderes Beispiel sind Unternehmen, die inzwischen bürgerschaftliches Engagement ihrer Mitarbeiter fördern und anerkennen… natürlich nicht ganz zweckfrei, aber im Grunde eben deshalb, weil es an freiwilligem, verantwortungsvollem Handeln in Deutschland mangelt. Alle Bemühungen wirken einer stark individualisierten Gesellschaft entgegen. Ob sie allerdings die durch die erste Moderne entstandenen (globalen) Probleme lösen…?

  5. rotegraefin sagt:

    Wie sagte eine Kollegin vor über 40 Jahren bei geistig behinderten Kindern nach einer Fortbildung? „Wir wurschten weiter.“ Das war noch Pionierzeit für die vielen Einrichtungen für behinderte Menschen. Und wie stehen die heute da? Die können sich doch ehrlich sehen lassen, oder?
    Das Ziel nicht aus den Augen verlieren und weiter machen.
    Wir haben in dem letzten Jahrhundert und leider auch davor schon, dem Menschen seine Würde genommen. Sie ihm wieder zu geben ist kein leichtes Unterfangen, weil dann oft massive Schmerzen hochkommen, die durch Aggression verdeckt und vertuscht werden.
    Das Problem ist die Abspaltung von Gefühlen, anstatt ihre Integration. Gefühl, Verstand und Vernunft sollten wieder in einen Einklang gebracht werden, bei dem die einzelnen Seinszustände einander wie das Wetter abwechseln. Die Überbewertung des Verstandes/der Intelligenz blockiert das gesunde Gefühl und dies verhindert eine vernünftige Lösung auf der Sachebene.
    Für eine Korrektur bedarf es Personen, die sich eben persönlich engagieren und dadurch auch begeistern können. Eben gute Autoritäten, denen die Entwicklung von gesunden Persönlichkeiten wichtiger ist als jeder Sachzwang.

  6. cspannagel sagt:

    Hier ist ein empfehlenswerter Vortrag von Welbers über Humboldt; hat auch mein Bild von Humboldt (insbesondere das der Verbindung von Forschung und Lehre) zurechtgerückt:
    https://cast.switch.ch/vod/clips/1fk28bm1w0/link_box

  7. Vielen Dank für den Linktipp – schaue ich mir gern an!

    Nachtrag: Sehr schöner Beitrag! Besonders amüsant: „Bildung ist wie Fußballbundestrainer sein: Jeder weiß es irgendwie besser.“ (Welbers, 2008)

  8. rotegraefin sagt:

    Vielen Dank auch für den Link.
    Wenn es jeder besser weiß, dann sollten wir doch gerade dieses Nutzen.
    Wenn es jeder besser weiß, warum machen wir es dann nicht besser?
    Für mich war schön zu beobachten, Welbers hat ein enormes und fundiertes Wissen. Als es zu Diskussion kam war erst einmal Schweigen!
    Dann konnte man sehen. Es waren sechs Zuhörer da. Also insgesamt acht Personen.
    Warum dann nicht gleich sich in einen Kreis gesetzt und das ganze wirklich mehr schon allein räumlich auf eine gleiche Ebene gesetzt? Das wäre für mich dann ein humanistisches Bildungsideal in die Tat umgesetzt.
    Wichtig ist es tatsächlich den inneren Auftrag für jeden Menschen erst einmal herauszukitzeln und zu bestätigen.

  9. Das stimmt – die Frontallogik von solchen Veranstaltungen ist für eine intensive Diskussion auf Augenhöhe nicht gerade förderlich. Allerdings tippe ich darauf, dass der Raum (Hörsaal) keine andere Sitzordnung erlaubt hat. Im Grunde sehr schade, denn man baut künstliche Distanz zum Redner auf, obwohl man durch die Veranstaltung das Gegenteil (Bildung) fördern will.

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