Das perfekte Format (WissensWert Blog Carnival Nr. 8)

Irgendwie fühle ich mich bei der Ausschreibung des WissensWert Blog Carnivals Nr. 8 und bei aller Diskussion um innovative Veranstaltungsformate in das Jahr 2005 versetzt. Denn vor vier Jahren habe ich mich in meiner Bachelorarbeit damit auseinander gesetzt, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen wie Tagungen, Messen etc. zu Wissenskommunikation und -austausch beitragen können. Konkret ging es um das Thema Ausbildungsmessen und ihren Mehrwert für die berufliche Orientierung. Damals habe ich mich vor allem auf das Münchner Modell von Mandl und Reinmann gestützt und mich auf den strukturgenetischen Wissensbegriff nach Seiler (2001) bzw. Seiler und Reinmann (2004) berufen. Auch auf die Gefahr hin, etwas nostalgisch zu werden, muss ich doch einen kurzen Blick in die Arbeit werfen, um mir mein damaliges Fazit nochmals vor Augen zu führen… *blätter, blätter*

… mein Fazit aus dem Jahr 2005: Bildungsmessen leisten nur bedingt einen Beitrag zur beruflichen Orientierung. Stattdessen sollten vielmehr Ausbildungsprojekte durchgeführt werden mit einer Ausbildungsmesse o.ä. als Höhepunkt. Denn bei derartigen Kooperationsformen läge ein Win-Win-Spezialfall vor: Nicht nur Laien gewinnen an Wissen. Sie regen auch den Experten dazu an, seine fachbezogenen Inhalte zu reflektieren (Bromme et al., 2004, S. 186).

Was ich damals in Bezug auf die Ausbildungsmessen abgeleitet habe, kann man im Kern auch auf andere Veranstaltungen übertragen. Denn trotz technologischer Entwicklung fehlt es bis heute oft an einer entsprechenden Begleitkommunikation, sprich an einer Möglichkeit, sich im Vorfeld einer Veranstaltung bereits mit konkreten Inhalten auseinander zu setzen und die auf der Veranstaltung diskutierten Inhalte im Nachgang nochmals gemeinsam zu reflektieren. Von einem Diskurs über Inhalte ganz zu schweigen.

Dass es prinzipiell eine Bereitschaft zur weiteren Auseinandersetzung gibt, zeigt mir beispielsweise die Anschlusskommunikation bei der GMW-Tagung. Hier tummeln sich derzeit eine ganze Reihe an Wissenschaftlern im Netz und diskutieren eifrig über offen gebliebene Fragen, über alte und neue Begrifflichkeiten, aber auch über den Einsatz von digitalen Technologien zur Intensivierung des Tagungserlebnisses. Dies ist sowohl aus einer Kommunikationsperspektive (die ich ja bekanntermaßen des Öfteren einnehme ;-)) als auch aus der Perspektive der Kompetenzentwicklung durchaus erfreulich. Denn zusätzlich zur Kommunikationsperspektive können und müssen Tagungen und Kongresse stets vor dem Hintergrund von Lernen, Wissen und Kompetenzentwicklung betrachtet werden. Dies leuchtet allerdings professionellen Organisatoren derartiger Veranstaltungen nur selten ein – es geht ihnen vorwiegend um die „Publicity“. Doch das Potenzial für Wissensaustausch und -kommunikation bleibt ohne Zweifel hoch, gerade bei wissenschaftlich relevanten Veranstaltungen.

In der Masterarbeit (leider Produkt einer Kooperation und daher nicht online) habe ich es in Anlehnung an Reinmann-Rothmeier (2000, S. 11) so beschrieben: Externe Veranstaltungen bieten das Potenzial, Organisationen auf ihrem Weg zu lernenden Organisationen, zur Entwicklung wissensfreundlicher Organisationskulturen und zur aktiven Förderung lebenslanger individueller und sozialer Lernprozesse wirksam zu unterstützen. Streitpunkt im Sinne eines nachhaltigen individuellen und organisationalen Wissensmanagements bliebe jedoch die systematische Vor- und Nachbereitung der Tagungen und Kongresse.

Ergänzend dazu muss man erwähnen: Im Kontext von Organisationen fehlt oftmals die Zeit, aber auch die Bereitschaft, Veranstaltungsbesuche im Nachhinein zu reflektieren. Es gibt zwar inzwischen eine ganze Reihe Tools, die dies unterstützen können, angefangen bei Blogs über Wikis bis hin zu Social Communitys, doch ihre Nutzung bleibt nach wie vor einzelnen überlassen und müssen (möglicherweise) speziell angeleitet werden.

Letzteres funktioniert z.B. bei den w.e.b.Square-Tagungen gut. Hier versuchen wir den Studierenden gezielt die Bedeutung der Tagungsreflexion beizubringen. Bislang geschah die Reflexion offline in Form von bei mir eingereichten .pdfs; ab der dritten w.e.b.Square-Tagung, die im kommenden Wintersemester stattfindet, versuchen wir die Reflexion online im Blog abzubilden… ein Experiment, was aufgrund der Verknüpfung mit der Lehre eng mit dem Assessment verbunden sein wird.

Nimmt man nun den aktuellen Blog Carnival, der die Frage nach der Ablösung von offenbar antiquierten Veranstaltungsformaten aufwirft, so sind die bisherigen Alternativen für mich nur ergänzende Lösungsmöglichkeiten, da etwa BarCamps die technologische Entwicklung nicht verdammen, sondern gezielt für den Austausch vor, während und nach der Veranstaltung nutzen. Hiervon können und sollten klassische Veranstaltungen lernen. Auch Twitterwalls und Communitys sind ein wichtiger Schritt, wissenschaftliche Veranstaltungen für Interessierte zu öffnen, doch mit Sicherheit nicht der einzige und schon gar nicht der letzte. Denn mit der wachsenden Integration der „Stakeholder“ kann auch die Möglichkeit wachsen, diese am Prozess der Programmplanung, am Suchen und Finden von Themen etc. teilhaben zu lassen. Das wäre schließlich eine optimale Veranstaltung, auf der sich die unbestritten viele Arbeit auf den Schultern aller verteilt. Doch wenn es um die Arbeit geht, sind viele vermutlich froh, wenn sie wieder auf eine Tagung im 1.0-Stil zurückgreifen können… es ist aber auch verzwickt, die Sache mit dem perfekten Format.

Literatur:

  • Bromme, R., Jucks, R., Rambow, R. (2004): Experten-Laien-Kommunikation im Wissensmanagement. In G. Reinmann & H. Mandl (Hrsg.), Psychologie des Wissensmanagements. Perspektiven, Theorien und Methoden (S. 176-188). Göttingen: Hogrefe Verlag.
  • Reinmann-Rothmeier, G. (2000): Communities und Wissensmanagement: Wenn hohe Erwartungen und Wissen zusammentreffen. Forschungsbericht Nr. 129. München: Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie, Ludwig Maximilians Universität.
  • Seiler, T.B. (2001): Entwicklung als Strukturgenese. In S. Hoppe-Graff & A. Rümmele (Hrsg.), Entwicklung als Strukturgenese (S. 15-122). Hamburg: Dr. Kovac.
  • Seiler, T.B. & Reinmann, G. (2004): Der Wissensbegriff im Wissensmanagement: Eine strukturgenetische Sicht. In G. Reinmann & H. Mandl (Hrsg.), Psychologie des Wissensmanagements. Perspektiven, Theorien und Methoden (S. 11-23). Göttingen: Hogrefe Verlag.
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6 Antworten auf Das perfekte Format (WissensWert Blog Carnival Nr. 8)

  1. Frank Vohle sagt:

    Hi Sandra,

    ja da sist so mit dem Anspruch „perfekt“. Welches Kriterium soll maximiert werden? Für wen? Ich meine vor allem, dass hochpartizipative Formate eine bestimmte Klientel anzieht (Barcamp), andere eher 1.0 erprobte Kollegen aber verprellt. Wenn ich also meine Zielgruppe nicht genau definieren kann braucht man vielschichtige Angebote. Das man viele, derzeit parktizierte Tagungsformate um interaktive Komponenten anreichern kann/sollte, steht auser Frage. Wie so oft gilt: die Mischung macht’s. Frank

  2. Hi Frank,

    ja, da hast Du einen wichtigen Hinweis vorweggenommen: die Mischung. Denn noch sind all die unterschiedlichen Formate in einer (Selbst-)Findungsphase und jede Ausprägung an sich kann von der anderen lernen bzw. jeweils sinnvolle Aspekte übernehmen. So wird man Veranstaltungen nie ganz offen abhalten können, aber eben auch nicht mehr komplett geschlossen, da sich Einstellungen zu Öffentlichkeit und Diskurs infolge der technologischen Entwicklung zumindest bei einem interessierten (kleinen) Kreis merklich wandeln. Die Frage nach der Zielgruppe der Veranstaltung ist somit gewissermaßen die Königsfrage: Mit der Beschränkung auf Themen, Einsatzszenarien digitaler Medien etc. wird man immer einige (potenzielle) Teilnehmer verprellen, bei anderen Wohlwollen hervorrufen. Eine mit Sicherheit wichtige „goldene Mitte“ wurde aus meiner Sicht aber nicht gefunden – zu heiß sind die derzeitigen Diskussionen um die einzelnen Formate, zu diffus die Vor- und Nachteile der jeweils einzelnen Veranstaltungen. Kaum jemand von uns betreibt schließlich „Veranstaltungsforschung“, auch wenn es da abseits von Eventmanagement und Co. eine ganze Menge interessanter Erfahrungen aufzuzeigen gäbe. Vielleicht kann mein Seminar im Wintersemester etwas Abhilfe schaffen.

    Was ich bei aller Diskussion um das „perfekte“ Format nach wie vor für nicht gelöst halte, ist die Frage der Vor- und Nachbereitung von (wissenschaftlichen) Veranstaltungen. Es wäre im Prinzip so einfach, dies anzustoßen… mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

    Viele Grüße,

    Sandra

  3. Frank Vohle sagt:

    … im Grunde sind Tagungen, eingebunden in virtuelle Vor- und Nachbereitung ja nichts anders als Blended Learning Szenarien, oder? Folglich brauchen wir gar keine Veranstaltungsforschung sondern nur ein erweitertes Verständnis von Lernorten und (alters)gemischten Zielgruppen. Ihr macht das ja bereits mit der Web Square Tagung, also eine neue Mischung aus infomellen, formalen und eventbezogenen Komponenten. Aber: es gibt noch keine „T h e o r i e der Mischung“ fernab vom Mittelwert. Warum eigentlich nicht? Wissenschaftliche wird das „Mischen“ gern als Eklektizismus verprellt, in der Praxis führen solche ausbalancierten Mischungen aus Lernort, Lernmethoden, Lernzeiten etc. zu stabilen Szenarien.

  4. Der Vorschlag gefällt mir auf der einen Seite sehr gut, denn Veranstaltungen als Lernorte zu begreifen, ist offensichtlich eine bisher ungenutzte Chance und von vielen (individuellen) Rahmenbedingungen abhängig. Was mir daran noch nicht so gut gefällt, ist die Perspektive, in der wir mit diesem Blick weiter verhaften, denn: Diejenigen, die Tagungen, Kongresse oder was auch immer, organisieren, sind in der Regel keine Pädagogen und haben infolgedessen oftmals nur eine vage Vorstellung von Blended Learning. Mittelweg würde für mich daher auch heißen, die unterschiedlichen Blickwinkel auf ein Phänomen zusammenzubringen. Dass das dann vor Ort zu stabilen Szenarien, wie Du es nennst, führt, kann ich mir gut vorstellen!

    Viele Grüße,

    Sandra

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