Run auf Lehrveranstaltungen: Woran liegt's?

Jetzt ist sie also vorbei, die Anmeldephase für das Wintersemester 2009/2010, und ich kann mich nicht beklagen: Selten fand ein so großer Run auf meine Seminare statt. Um dem einigermaßen gerecht zu werden, habe ich mich vor ein paar Minuten entschieden, die Teilnehmerzahlen auf 30 pro Seminar hochzusetzen. Auf diese Weise haben kurzfristig ein paar mehr Studierende die Chance, an den einzelnen Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Ich freue mich natürlich riesig über den Zulauf, frage mich aber auch selbstkritisch, woran das liegt. Mit Sicherheit braucht eine Vielzahl der Studierenden die Punkte und meine Veranstaltungen passen ins Modul. Mit Sicherheit liegt es auch am projektorientierten Arbeiten, dass ich im Regelfall anbiete und was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern großen Spaß bereitet. Am meisten glaube ich aber, dass es an den Themen liegt, die ich dieses Jahr im Angebot habe, denn: Mit Seminaren, die an der Schnittstelle von Bildungswissenschaft und Kommunikationswissenschaft sind, liegt man hoch im Kurs. Das hat zwei Gründe: Einer davon ist historisch gewachsen und auf eine leicht veränderte Zusammensetzung von Lehrveranstaltungen zurückzuführen (durch Professorenwechsel). Der andere Grund ist meiner Ansicht nach, dass man mit Angeboten im Schnittstellenbereich mehr Studierende erreicht, weil sowohl die an bildungswissenschaftlichen Fragestellungen interessierten ins Seminar kommen als auch diejenigen, die eher kommunikationswissenschaftlich ausgerichtet studieren. Für mich zeigt die Veranstaltungswahl jedenfalls auf, dass man Überschneidungspunkte, die bei den Kernfächern im MuK-Studiengang bestehen, stärker nutzen sollte, um Gemeinsamkeiten (und Unterschiede!) der einzelnen Fächer aufzuzeigen. Zu selten gibt es an der Universität Veranstaltungen, die Fragestellungen unterschiedlicher Fächer in einem Seminar kombinieren und diese vor dem Hintergrund einzelner Phänomene diskutieren.

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten auf Run auf Lehrveranstaltungen: Woran liegt's?

  1. Alex sagt:

    Hallo Sandra,
    zunächst mal herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg – die Abstimmung mit den Füßen zeigt, dass sich deine bisherigen Seminare bewährt haben 🙂 Ich stimme dir bei der Ursachen-Zuschreibung weitgehend zu, an zwei Stellen sehe ich es aber etwas anders.

    Erstens meine ich, dass du einen Aspekt der inhaltlichen Ausrichtung deiner Seminare etwas unterbewertest, nämlich die Themen PR und Marketing. Aus den Studierenden-Befragungen wissen wir, dass sich der Großteil der MuKler dafür stark interessiert, zugleich gibt es dazu aber seit etlichen Semestern kein richtiges Angebot. Daneben glaube ich auch nicht, dass es unbedingt an der Projektarbeit oder an externen Partnern liegt, denn das bekommen die MuKler oft geboten.

    Zweitens würde ich deiner Folgerung, verstärkt Angebote im Schnittstellenbereich anzubieten, nur bedingt zustimmen (zumal ich wie schon erwähnt die zugrundeliegende Annahme nur ansatzweise teile). Denn ich denke, der Raum dafür im Curriculum ist begrenzt. Zuerst sollte es, gerade im Bachelor, darum gehen, die Grundlagen der einzelnen Fachbereiche kennenzulernen (was aufgrund des interdisziplinären Ansatzes ohnehin schon eingeschränkt geschieht, da die LP auf mehrere Kernfächer verteilt sind). Erst auf dieser Basis könnte in speziellen Seminaren ein Transfer erfolgen, wobei diese Seminare zumeist etwas oberflächlich bleiben (zumindest aus Sicht der einzelnen Disziplin). So bin ich mir nicht sicher, ob man etwa bildungswissenschaftlichen Fragestellungen adäquat gerecht werden kann, wenn das mit anderen Themen „vermischt“ wird, selbst wenn dadurch mitunter deren Relevanz deutlicher erkennbar wird.

    Naja, letztlich sind das alles keine leichten Fragen und ich kann zumindest aus meiner MedPäd-Sicht erkennen, dass bildungswissenschaftliche Themen leider nur einen Teil der MuKler erreicht, denn bei mir sind auch immer die „anderen“ Seminare überbucht (z. B. dieses Semester eine Statistik-Übung, wo ich die Teilnehmerzahl ebenfalls hochgesetzt habe) 😉

  2. Hallo Alex,

    erst einmal DANKE für die zweite Meinung! Die Inhalte PR und Marketing waren und sind schon immer Zugpferde im MuK und werden das mit großer Sicherheit auch bleiben, was natürlich eng mit den Berufswünschen der einzelnen MuKler zusammenhängt. Allerdings glaube ich nicht, dass es nur die Begriffe sind, denn: Immer häufiger höre ich, dass die inhaltliche Relevanz so mancher Veranstaltung unklar ist. Stattdessen werden lieber Seminare und Themen ausgesucht, mit denen man „etwas anfangen“ kann (und zwar nicht zwingend für die eigene Laufbahn o.ä., was man jetzt im selben Atemzug meinen würde). Von daher glaube ich schon, dass Projektarbeit ein wichtiger Faktor für die Teilnahmeentscheidung sein kann – ebenso wie die Kooperation mit einem externen Partner, was z.T. etwas von „Auftragsarbeit“ (im positiven Sinne) hat. Dabei sollte der Name des Kooperationspartners keine Rolle spielen, denn ich bin schon länger davon weggegangen, diesen vor Beginn der ersten Sitzung zu nennen. Das hat sich total bewährt und bisweilen auch schon Enttäuschungen bei den Studierenden hervorgerufen, wenn „nur“ mit Ökonomie & Bildung e.V. und nicht mit BMW zusammen gearbeitet wurde 😉

    Was Deine kritische Haltung zur Vermischung von Fächern angeht, so stimme ich Dir von außen betrachtet zu. Als ehemalige MuK-Studentin gebe ich aber zu bedenken: Der Studiengang ist auf Interdisziplinarität ausgelegt; die Studierenden wechseln jeden Tag zwischen den einzelnen Fachdisziplinen hin und her und vertiefen sich ganz anders als disziplinär Studierende in Themen; ja, die meisten orientieren sich an Phänomenen und versuchen dann, diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das kann manchmal oberflächlich sein, manchmal aber auch die Augen für die Perspektiven anderer öffnen und eine Art Schnittstellenkompetenz aufbauen. Ich will keine Fachveranstaltungen ablösen oder diese zerreden; sie sind gerade zu Beginn des Studiums sehr wichtig, um sich einen Überblick über relevante Fragestellungen zu verschaffen. Ab einem höheren Semester finde ich es aber durchaus wichtig zu lernen, dass ein und dasselbe Problem aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann und wie potenzielle Lösungsansätze aus unterschiedlicher Fachsicht aussehen könnten. Das kann man den Studierenden nun komplett selbst überlassen und darin den Wert eines Uni-Studiums sehen. Ich meine aber schon, dass die eine oder andere Veranstaltung, die explizit auf unterschiedliche Sichtweisen aufmerksam macht (und keine davon „verdammt“), nicht schaden kann.

    Liebe Grüße,

    Sandra

  3. Alex sagt:

    Hallo Sandra,
    ich denke, wir sind überwiegend derselben Meinung und vielleicht habe ich mich gerade etwas missverständlich ausgedrückt. Denn ich finde Schnittstellen-Seminare ebenfalls wichtig in einem interdisziplinären Studiengang und würde damit die Studierenden auch nicht alleine lassen, ich denke aber nicht, dass wir genügend Spielraum haben, den Anteil dieser Veranstaltung noch weiter auszubauen (zumal nicht viele Dozierende beide Seiten abdecken können, mit Ausnahme ehemaliger MuKler ;-)).

    Und wie gesagt: Ich habe aus MedPäd-Perspektive (dem „MuK-Stiefkind“) argumentiert, dass das eigene Fach genügend Raum einnehmen sollte, um sowohl die Grundlagen abzudecken als auch eine Vertiefung zu ermöglichen.

    Dass das Thema PR und Marketing für MuKler wichtig ist (und wohl bleiben wird), steht für mich ebenfalls außer Frage. Und ich denke auch, dass diesen Interessen in gewisser Weise Rechnung getragen werden sollte. Eine zu starke Orientierung an Interessen der Studierenden finde ich aber nicht unbedingt zielführend, zudem führt der Wunsch nach „direkter Verwertbarkeit“ zur Grundsatz-Debatte, inwieweit die Uni eine Art „Berufsausbildung“ bieten muss.

    Ach ja, was bei deinen Veranstaltungen vielleicht noch ein weiter Plus-Punkt ist: Bei dir haben die Studierenden in den Projekten oft auch kreativen Freiraum (was ich gut finde), was sicherlich ein zusätzlicher Erfolgsfaktor ist (neben den von dir schon genannten Aspekten) 🙂

    Liebe Grüße,
    Alex

  4. Hallo Alex,

    das mit dem Spielraum wird in der Tat weniger, weil durch den neuen MuK viel stärkere Vorgaben als in den Umsetzungen zuvor gemacht werden müssen. Worin ich noch Möglichkeiten sehe, ist in der Ausgestaltung der Lehrveranstaltungen außerhalb des Grundlagenbereichs, wobei man da natürlich zugeben muss, dass hier bereits „alles rausgeholt“ wird… eine Crux.

    Wie stark man den Interessen Rechnung tragen kann und soll, da habe ich leider noch keine Lösung gefunden. Denn es steht außer Frage, dass man sich als Studierender auch mal durchbeißen muss (ich denke da an die Einführung in die Medieninformatik und wie ich mich wochenlang in der Vorbereitung auf die Klausur gequält habe… wirklich kein Spaß). Umgekehrt versuche ich als Dozentin immer, den Mittelweg zwischen Studierenden- und eigenen Interessen zu finden. Anhand von Phänomenen gelingt das thematisch bisweilen ganz gut. Eine Ausbildungsdebatte kann man an der Stelle führen, muss man aber nicht 😉 Ich habe ja eine Berufsausbildung hinter mir und das ist schon ganz was anderes als Lernen an der Universität (trotz Bachelor!).

    Was den kreativen Freiraum in den Seminaren angeht, so glaube ich auch, dass das ein Pluspunkt sein kann – allerdings kann das auch genau den umgekehrten Effekt auslösen: Neben einer Menge Studierenden, die gern selbstorganisiert und offen lernen, sich bedarfsorientiert Theorie suchen und je nach Erfahrungshorizont mal mehr, mal weniger Fragen stellen, gibt es auch eine durchaus große Zahl, die selbiges nicht macht. Auch hier versuche ich permanent die „goldene“ Mitte zu finden und vor allem die Augen/Ohren offen zu halten für Schwierigkeiten, die durch die Projektarbeit entstehen. Etwas andere Baustelle, als Fachfragen zu beantworten (was natürlich auch vorkommt)…

    Liebe Grüße,

    Sandra

  5. Tobias sagt:

    Hallo ihr beiden,

    ich möchte hier wieder mal was durch die Externen-Brille beitragen. Das ist jetzt zwar schon weit von der Frage nach der einzelnen Veranstaltung weg, aber gut.
    Ich mache hier mit meiner MuK-Ausbildung sehr gemischte Erfahrungen. In einem Umfeld, in dem die allermeisten Kollegen etwas „eindeutiges“ gelernt haben ((Wirtschafts-)Pädagogen, Psychologen) kommt man sich manchmal schon sehr als Exot vor. Auch im Doktorandenprogramm ist das so. Da gibt es die Psychologen, bei denen ich etwas mitreden kann, die Informatiker, wo ich ein bisschen was verstehe, die Pädagogen, wo ich mich ganz gut auskenne.
    Aber so richtig erklären, was ich „bin“ bzw. wo ich mich verorte, kann ich oft nicht. In vielen Bereichen fehlt mir einfach die Grundständige Ausbildung, beispielsweise in den Methoden. Schwieriger ist aber, dass mir eine eindeutige „Denke“ fehlt. Und das bringt einem schnell das Problem ein, keine eindeutigen Theorien und Konzepte zu verwenden, sondern recht Bausteinhaft die Dinge zu kombinieren.
    Das ist zwar zum Teil vorteilhaft, weil man gut in verschiedenen Bereichen denken kann. Aber vielleicht hätte mir auch zumindest ein fokussierterer Master besser getan.

    Liebe Grüsse,

    Tobi

  6. Hi Tobi,

    vielen Dank für Deinen „distanzierten“ Kommentar. Ich hatte nun eine ganze Weile Zeit, über Deine Hinweise nachzudenken (da ich vorher nicht zum Bloggen gekommen bin), weiß aber noch nicht recht, welche Konsequenzen ich ableiten soll. Denn ich glaube, die Diskussion über wissenschaftliche Inhalte und das Für und Wider eines anwendungs- und phänomenorientierten Studiums führen insbesondere diejenigen Studierenden und Absolventen, für die Wissenschaft als Arbeitsumfeld (zumindest prinzipiell) in Frage kommt. Sie merken schließlich in ihrem Alltag, dass die selten in der Lage sind, derart vertieft Probleme erklären zu können wie die Vertreter der spezifischen Disziplin. Es geht mir ja nicht anders. Der neue MuK-Master, wie er ab diesem Wintersemester durchgeführt wird, kann diese Lücke mit Sicherheit teilweise schließen. Immerhin müssen sich die Studierenden für Kommunikationswissenschaft oder Bildungswissenschaft als Schwerpunktfach entscheiden. Trotzdem wird der MuK sich nicht komplett wandeln und im Kern weiterhin für eine interdisziplinäre Ausbildung stehen, da die Schwerpunktbereiche auch künftig um Nebenfächer ergänzt werden. Alles in allem ist das eine sehr gute Entwicklung, da die Probleme, die Du schilderst, hier in Angriff genommen und die positiven Faktoren („Blick über den Tellerrand“) erhalten werden. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit eine interdisziplinäre wissenschaftliche Ausbildung zu dem, wie Wissenschaft heute „tickt“, anzuschlussfähig ist. Denn hier stehen sich zwei „Schulen“ gegenüber, die sich derzeit beschnuppern und deren Kennenlernen bisweilen zu Störungen führt… mit ungewissem Ausgang, sodass wir momentan mit den von Dir beschriebenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

    Liebe Grüße,

    Sandra

  7. Frank Vohle sagt:

    Hallo zusammen, spannende Diskusion. Möchte an dieser Stelle nur das einwerfen, was ich im info-park zur interdisziplinären Lehre gesagt habe => Interdisziplinarität aus der Disziplin heraus . http://info-parkour.de/kategorien/lehre-lernen/lesen/beitrag/abc-der-lehre/

    @Tobi: Du berichtest im Kern ja gar nicht von einem Sachproblem, sondern von einem „akademischen Rückzugsort“, also dem, was man als Stallgeruch (einer Disziplin) bezeichnet. Wenn man den nicht hat, dann kann man Widerstand in den Mutterdisziplinen erfahren. Das kann bis zur (stillschweigend) Ausgrenzung gehen. Das sind dann auch die berühmten Lager. Was tun als Mischling oder Phänomenexperte? Auch wenn es an manchen Orten lächerlich ist, ein Bekenntnis zum „Bildungswissenschaftler“ tut not, gekoppelt mit der Gegenfrage: „Du nicht?“. Man muss sich im Ziel einig sein, alles andere dient der Eitelkeit oder Abgrenzung.

  8. Hallo Frank,

    danke für den Linktipp… das Interview hatte ich schon fast wieder verdrängt, aber es zeigt in der Tat sehr gut auf, welche Bedeutung Interdisziplinarität hat bzw. haben kann. Gut finde ich dabei auch den Hinweis auf die hochschulpolitische Dimension, die bestimmten Begriffen (und letztlich ganzen Studiengängen) zugrunde liegt.

    Die Idee, auf Fragen mit Gegenfragen zu reagieren, ist auch durchaus gewitzt… schließt sich für mich nur die Frage an (ja, ich lerne schnell ;-)): Was ist, wenn überhaupt nicht gefragt wird? Wenn ich Tobi richtig verstanden habe, geht es ja nicht nur um die Argumentationsfähigkeit, sondern auch um die Zuordnung auf dem Papier. Und das lässt sich so ohne weiteres nicht lösen.

    Viele Grüße,

    Sandra

  9. Frank Vohle sagt:

    Lebensregel Nr. 1. Suche die Kontexte, auf wo man fragen darf und wo Fragen gestellt werden ;-). Ich weiß, ich mache es mir hier einfach. Was wir hier diskutieren erinnert mich an Kleinkinder, die versuchen einen Würfel in eine Dreiecksform zu pressen. … Mit dem Hammer gelingt es. Kein optimistischer Ausblick.
    Viele Grüße, Frank

  10. Tobias sagt:

    Hallo Frank und Sandra,

    ich bin mir ehrlich gesagt selbst nicht ganz sicher, ob es sich bei dem, was ich geschrieben hab, um ein Sachproblem (ich würde eher sagen: Kompetenzproblem) oder ein eher eins des Wissenschaftsystems handelt.

    Zunächst würde ich klar sagen ja, es ist ein Problem des Systems Wissenschaft. Wir brauchen interdisziplinäre Offenheit. Wir brauchen multiple Perspektiven. Wir brauchen Leute, die viele Zugänge zu Problemen kennen und zulassen. Und da sind „Stallgeruch“ und disziplinäres Mauern fehl am Platz.

    Allerdings meine ich auch, wir (ich meine jetzt die MuK, und allgemein die „wir sind offen und interdisziplinär“ Community) brauchen auch fachlich-inhaltliche Expertise. Und das trifft vor allem auf methodische Kompetenzen zu. Ich meine, man muss auch aufpassen, nicht eine scheinbare Offenheit zum Dogma werden zu lassen und andere mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit links liegen zu lassen. Nach dem Motto: Ach, die sind ja soooo Mainstream. Dann begibt man sich nämlich in die Gefahr eines recht oberflächlichen überall mitredens.

    Leider kann ich im Moment nur motzen und nichts wirklich konstruktives beitragen. Ich finde aber, dass wir hier an einem interessanten Problem diskutieren, das bei der Konzeption von Curricula z.B. nicht so sehr berücksichtigt wird. Es geht dabei nicht nur um „Breite versus Tiefe“, sondern um die Frage, ob man einem Studiengang eine klare paradigmatische Richtung gibt, oder die Leute prinzipiell zur Offenheit erziehen will. Hmmm, schwierig.

    Viele Grüsse,

    Tobi

  11. Frank Vohle sagt:

    ..du sagst, wir brauchen „interdisziplinäre Offenheit“ ohne Stallgeruch, stimme ich dir ja voll zu (Norm), aber in der Wirklichkeit ist es oft anders, da entscheidet disziplinäre Zugehörigkeit über Zugang/nicht Zugang, manchmal sehr subtil. Du sagst, wir brauchen trotz dieser interdisziplinären Vielfalt „fachlich-inhaltliche Expertise“, dir geht es dabei um „methodische Kompetenzen“. Du befürchtest Oberflächlichkeit, wenn man eben diese Methodenkompetenz nicht zeigen kann. Was folgt daraus? Hilft uns ein Bekenntnis zu EINEM methodischen Paradigma in den BILDUNGSWISSENSCHAFTEN weiter? Heist von dir geforderte „Klarheit“, dann unverhältnismäßige (es geht um das komplexe Phänomen Bildung) Reduktion? Ich geben dir zum Teil Recht: in der Hochschulpraxis erzeugt die Umsetzung von methodischer Vielfalt oft den Eindruck von Beliebigkeit oder auch Verwirrung. Das zeigt sich z.B. auf der Ebene der Curricular, in denen die methodichen Zugänge unverbundenen (unter dem wenig aussagekräftigen Titel „interdisziplinär“) nebeneinanderstehen oder in den Köpfen der Studierenden, die mit einem komplementären Methodenbild vielleicht überfordert sind. Ich deute es schon an: ich bin mit der Praxis unzufrieden, d.h. man kann und muss es anders machen. Nach meiner Meinung weniger in Richtung „methodische Profilierung“, sondern in Richtung einer komplexen Methodik. „Komplex“ ist aber nur ein erster Platzhalter für ein Begriff, der gegenüber der geforderten Profilierung liegt, aber eben nicht zur (beliebigen) Vielfalt führt. Am Ende sollen Bildungswissenschaftler „raus kommen“, die offen sind, ja, logo, offen für was? Für eine Vielzahl von methodischen Zugängen, die sie je nach Erkentnisinteresse auswählen und anwenden können. Der Hausmeister hat ja auch eine ganze Werkzeugkiste und nicht nur den Hammer, der Dirigent bedient ein ganzes Orchester, nicht nur die Geiger. Wenn wir bei den schwierigen Frage der Bildung weiter kommen wollen, dann brauchen wir vielfältige methodische Zugänge. Die zentrale Frage für mich ist: Wie LERT man diese methodische Vielfalt? Wie erzeugt man bei den Studierenden die Gewissheit, dass diese Vielfalt wichtig und für die Lösungen der eigene Bildungspraxis auch hilfreich ist (Vielfalt ist ja nicht Selbstzweck).

    Ja, soweit mal … liebe Grüße, Frank

  12. Hallo Ihr,

    ich bin eigentlich ganz dankbar, dass wir durch Franks Kommentar ein Stück weit wieder da angekommen sind, wo der ursprüngliche Post hingehörte: nämlich bei der Lehre. Insofern würde mich stark interessieren, was Dir, Frank, dort mit methodischer Vielfalt vorschwebt. Denn eine unserer Ausgangsfragen war ja, ob man sich an Phänomenen entlang hangeln sollte und da bestenfalls unterschiedliche Werkzeuge nutzt, um Problembereiche zu identifizieren und zu bewerkstelligen. Oder ob es aus unterschiedlichen Gründen (z.B. Identität) mehr Sinn macht, disziplinäre Perspektiven in den Lehrveranstaltungen zu bewahren. Ich selbst neige zu ersterem, wohl wissend, dass dies nicht die einzig wahre Lösung ist und vor allem Studierende an Grenzen führt. Mehr als zwei oder drei solcher Seminare kann man im Semester nicht machen, wenn man sich in einen Kontext eindenken will und letztlich komplexe und durchaus vorzeigbare Ergebnisse produzieren will. In den Veranstaltungen selbst erkläre ich übrigens viel häufiger als früher, aus welcher „Ecke“ bestimmte Theorien etc. kommen, um das Verständnis für die vielen Perspektiven zu schaffen und ggf. über unterschiedliche Positionen mit den Seminarteilnehmern zu diskutieren.

    Viele Grüße,

    Sandra

  13. Frank Vohle sagt:

    Hallo Sandra, hallo Tobias,

    ha, erwischt. Allgemein kann man gut reden, was? 😉

    Wie sieht die Praxis nun konkret aus? Wie setzt man methodische Vielfalt um? Ich meine, dass man diese Frage zunächst auf der Planungsebene des C u r r i c u l u m s ansetzen muss. Was ist Schwerpunkt im BA, was im MA. Im genannten Interview hatte ich gesagt, dass „der Gedanke der Interdisziplinarität sich aus der Disziplin heraus entwickeln muss“. Damit meine ich, dass der Lehrende die Studierenden zunächst in die Sichtweise einer Domäne einführt, inhaltlich wie methodisch, und dann schrittweise neben den Stärken eben auch auf die Unzulänglichkeiten dieser Einzelsicht verweist. Man muss also als Student! zu der Erkenntnis kommen, dass die Einzelsicht gar nicht ausreicht um ein komplexes Phänomen angemessen zu analysieren. Das ist die Motivation zu einer breiteren Sichtweise, die im Erkentnisinteresse des Studenten verankert ist. Man sollte diese „Einzelsichtweisen“ zumindest sehr deutlich (gerade für die Novizen) von den multiplen Sichtweisen (interdisziplinäre Kurse) trennen, denn die Art der wissenschaftlichen Betrachtung und Erwartung ist doch eine ganz andere. Ich könnte mir gut vorstellen, dass dann soetwas wie ein Metawissen ensteht: wann lohnt sich eher eine Einzelbetrachtung, wann lohnt sich der interdiziplinäre Zugang.

    Auf der K u r s e b e n e (oben war es die Curriculumebene) setzt du es ja toll um, wenn du den Studierenden in der Art eines scaffolding ein Denkgerüst anbietest, wenn du also sagst, diese Blickrichtung wird stark von der Wissenschaftsdisziplin x,y,z, verfolgt, dabei stehen die Theorien x,y,z im Zentrum, dabei benutzen diese Diziplinen primär diesen oder jenen methodischen Zugang. Dass kann im Idealfall zu dem oben angesprochenen Metawissen führen, wann, warum, welche wissenschaftliche Perspektive und methodische Zugang (darum ging es uns) Vorteile bringt. Was mit einem solchen Vorgehen mitwächst ist immer auch ein Wissen (Misstrauen, kritische Haltung) gegenüber (methodischen) I d e o l o g i e n, dem Erzfeind einer kritikoffenen Wissenschaft/Gesellschaft. Vielleicht ist das auch wieder der Dreh zum Statement weiter oben: Fragen stellen dürfen (Kultur) und können (Kompetenz). Überhaupt finde ich, sollten wir mehr darüber nachdenken, wie man Studenten das Fragen stellen beibringt. Man stelle sich vor, eine mündliche Prüfung mit der Aufforderung des Dozenten/Professors: Stellen sie die Fragen! Methodische Vielfalt ist dann am Ende kein Selbstzweck, sondern mündet in eine Fragekompetenz des Studenten.

    Vile Grüße Frank

  14. Hallo Frank,

    der Semesterbeginn hält mich auf Trab… daher erst jetzt wieder ein kleiner Beitrag zu unserer Gedankensammlung 😉

    Die Zweiteilung (Curriculum vs. Lehrveranstaltungen) finde ich schlau und einigermaßen realistisch, wenn es um die praktische Umsetzung geht. Zwangsläufig kann man ja auf Kursebene viel schneller Ideen und Werkzeuge einsetzen, als dies im gesamten Curriculum festgeschrieben wird. Was das Fragenstellen angeht, so bin ich inhaltlich voll bei Dir, merke aber, dass es hier seitens der Studierenden oftmals eine gewisse Zurückhaltung – gerade zu Beginn des neuen Semesters – gibt. Man muss sich erst kennenlernen und langsam in die Art, wie der Dozent lehrt, reinwachsen. Oder umgekehrt formuliert: So manche Hierarchie steht dem Fragestellen aus Perspektive der Studierenden im Weg. Denn es will nicht nur gelernt sein, wie man Fragen stellt, sondern auch, dass Fragenstellen erlaubt, ja sogar (lern-)förderlich für sich selbst und für das Seminar ist. Im Master gibt es diese Probleme weniger, aber im Bachelor muss man Fragen tatsächlich aktiv einfordern und die kritische Haltung u.U. zum Teil der Prüfungsleistung machen, um die Interaktion anzukurbeln (meine Erfahrung). Wobei ich hier einen kleinen Unterschied bezogen auf das Thema sehe: Je näher die behandelten Themen mit der Lebenswelt der Studierenden zusammenhängen, desto eher gelingt eine Diskussion bzw. kann auch eine Diskussionskultur etabliert werden. Das spricht an sich dafür, gerade zu Beginn von Veranstaltungen stark mit Fällen zu arbeiten oder aktuelle Bezüge einzubauen, um die Studierenden ein Stück weit „abzuholen“. Spannend auch, wie man Diskurs über Werkzeuge ankurbeln kann… Jedenfalls bin ich ganz begeistert, dass einer (von drei) Veranstaltungsblogs bereits rege genutzt wird und auf dem Weg beispielsweise eine Verknüpfung mit schon besuchten Seminaren, aktuellen Themen oder interessanten Links stattfindet. Damit hätte ich in Form und Intensität ehrlicherweise nicht gerechnet.

    Viele Grüße,

    Sandra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.