Studierwirklichkeit(en)

Am Ende meines (virtuellen) Impulsvortrags im Workshop „Forschendes Lernen und E-Learning“ auf der Delfi 2016 (zu den Folien | zum aufgezeichneten Vortrag) habe ich einige Befunde meiner Vorlesung vorgestellt. Diese Befunde machen deutlich, dass in der Forschung um forschendes Lernen auch die unterschiedlichen Studierwirklichkeiten einbezogen werden sollten.

In meiner Vorlesung wurde dies mindestens an zwei Aspekten klar: So ist das Interesse 1) an einer Einführungsvorlesung zur Mediendidaktik in medien- und bildungswissenschaftlichen Fächern sehr unterschiedlich ausgeprägt; gleichwohl fordert 2) der professionelle Mediengebrauch Studierende mehr heraus als das forschungsorientierte Setting an sich.

Dazu kommen spezifische Studienherausforderungen in Köln bzw. NRW: Speziell die Abschaffung der Präsenzpflicht wird hier als ein Grund diskutiert, warum die Verpflichtung der Studierenden ggü. Vorlesungen sehr gering ausgeprägt sei (siehe weiterführend beim Wissenschaftsministerium NRW). Diesen Aspekt habe ich (noch) nicht untersucht, kann mir aber vorstellen, dass die Rahmenbedingungen des eigenen Studiums und der Universität stark beeinflussen, wie sich Studierende in forschungsorientierten Lehr-Lernszenarien wohlfühlen. Dies merke ich nicht zuletzt im eigenen Vergleich zwischen den Universitäten und Hochschulen, an denen ich selbst tätig war. Vor allem gilt es, forschendes Lernen konsequent zu Ende zu denken.

Subjektives Erleben mag auch in anderen Lehr-Lernszenarien von Bedeutung sein, aber: Gerade offene, mediengestützte Lehr-Lernsettings profitieren in erheblichen Maße davon, wie selbstbestimmt sich Lernende (hier: Studierende) darin bewegen. Zusammen mit der Hochschuldidaktik und meiner Tutorin haben wir daher auch in der genannten Vorlesung versucht, das subjektive (Kompetenz-)Erleben der Studierenden und ihre soziale Eingebundenheit im Sinne Deci und Ryans zu steigern. Für eine Vorlesung konnten wir ebenfalls erhebliche Freiräume zur Bearbeitung von forschungsorientierten Aufgaben schaffen; angesichts der obigen Befunde haben diese aber offenbar nicht ausgereicht. Oder anders gesagt: Eine forschungsorientierte Vorlesung passt(e) zumindest nicht vollständig in die Studierwirklichkeit(en).

Seither mache ich mich auf Ursachensuche, wie die Studierwirklichkeit(en) und spezifischen Herausforderungen im Kontext Massenstudium/Köln aussehen. Persönliches Interesse und Selbstbestimmtheit beim Lernen sind hier einzelne, auffällige Faktoren. Gedanklich hänge ich aber mehr an den „unerwarteten“ Herausforderungen, denn:

  • Wie kann es sein, dass Studierende weniger Schwierigkeiten mit der Forschungsorientierung als mit der professionellen Nutzung digitaler Medien haben?
  • Welche Support-/Unterstützungsangebote in der Präsenzvorlesung wären nötig, um diese Hürden zu überwinden?
  • Welche (weiteren) Support-/Unterstützungsangebote soll es in der Präsenzvorlesung nicht geben, da mir eine gewisse technisch-funktionale Medienkompetenz-Entwicklung innerhalb von Vorlesungen (auch) wichtig ist?

Mir fällt zudem auf, dass die Studierenden – zumindest teilweise – Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Ressourcen, insbesondere ihre zeitlichen Ressourcen, zu handhaben. Dieser Befund geht größtenteils einher mit der ZEITLast-Studie, wird aber noch erschwert um den Punkt der Kollaboration in der Vorlesung: Während Tandems in der Vorlesung initiiert wurden, um Forschungsfragen zu entwickeln und zu begutachten, werden diese vor allem als lästig (wg. etwaiger Abstimmungsprozesse) empfunden. Positive Effekte für die Aufgabenbearbeitung/hinsichtlich des forschenden Lernens können zumindest direkt nach Vorlesungsende nicht festgestellt werden (siehe dazu auch Hofhues, Pensel & Rottlaender, in Druck*).

Sehr unterschiedlich fallen überdies die Werte zur Selbstwirksamkeit der Studierenden aus: Manche können das Forschen voll und ganz für sich nutzen, andere wiederum gar nicht; das Spektrum dahingehender Meinungen und Befunde ist auffällig breit. Ein Zusammenhang mit den unterschiedlichen Erfahrungsgraden im Studium sowie mit dem Vorwissen/weiteren (auch medienbezogenen) Erfahrungen ist wahrscheinlich.

Wie weiter? Gerne hätte ich mehr über die Studierwirklichkeit(en) der Teilnehmenden in der Vorlesung erfahren, hätten sie mir doch dabei geholfen, einige Antworten auf die derzeit offenen Fragen (siehe Folien S. 18) zu erhalten. Leider hatten im Sommersemester aber nur sehr wenige Studierende Interesse an einem oder Zeit für einen Partizipationsworkshop zur Weiterentwicklung der Vorlesung. Auch hier könnte ich wieder auf Ursachensuche gehen …

Ziel ist es nun, im kommenden Wintersemester die Schlüsse, die ich als Lehrende bzw. wir als Team aus der Begleitforschung gezogen haben, mit den Studierenden zu teilen. Dazu gehört auch, dass ich die seither getroffenen didaktischen Entscheidungen transparent mache (z.B. hinsichtlich eines Inverted-Classroom-Modells). Durch die gemeinsame Reflexion hoffe ich dann, dass Studierende ihre individuellen Wege durch die Vorlesung finden und vor allem wieder „mehr Bock auf Mediendidaktik“ haben als zuletzt.

 

* Hofhues, S., Pensel, S. & Rottlaender, E.-M. (in Druck). Mit vielen Studierenden auf Forschungsreise gehen: Einblicke in ein forschungsorientiertes Vorlesungsformat. In B. Berendt, A. Fleischmann, J. Wildt, N. Schaper & B. Szczyrba (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre. Hamburg: Raabe. (Weitere Daten noch nicht bekannt.)

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