in Schule, Wirtschaft, Wissenschaft

Schule und Ökonomisierung – ein streitbares Thema

Heute fand der zweite Themenabend unserer Reihe „Ist die Ökonomisierung der Bildung ökonomisch?“ statt. Kernthema war dieses Mal die Schule. Streitbare Themen zur Schule gibt es viele, angefangen bei G8 und Ganztagsschule über das dreigliedrige Schulsystem und die Lehrerausbildung bis hin zur Autonomie und Öffnung der Schule. Alle Themen sollten mehr oder weniger deutlich zur Sprache kommen; vor allem haben aber die Redner dieses Mal versprochen, was wir uns von ihnen erhofft haben: Kontroversen (im Gegensatz zum Themenabend „Kindergarten“, wo ich weichgespülte Meinungen beklagt hatte). Nach einem kurzen Eingangsstatement von Prof. Fritz Böhle folgte Josef Erhard, Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Im Anschluss an seine Rede hätten wir im Prinzip aufhören können, denn sein Plädoyer für ein neohumanistisches Bildungsverständnis ist nachvollziehbar und im weitesten Sinne auch wünschenswert. Wer will nicht (Bildungs-)Traditionen in die Zukunft hinüberretten und den Wandel der Berufswelt in der Bildung berücksichtigen?

Trotz der grundsätzlichen Zustimmung (und wegen der Chronologie des Programms ;-)) folgte im Anschluss Prof. Bernd Zymek. Von seinen fünf Thesen sind mir besonders zwei in Erinnerung geblieben: die Skizze eines „neuen“ Menschenbilds und die Problematisierung der Zeitökonomie. An letzterer Tatsache lässt sich klare Kritik an der Ökonomisierung von Bildung festmachen. Viel zu viel Zeit wird in Bürokratie aufgewendet, ohne einen ersichtlichen Nutzen davon zu haben. Wenig kritisch wurde hingegen das neue Menschenbild hinterfragt. Auch wenn das natürlich nicht Gegenstand einer Diskussion zum Thema Schule sein kann, muss man sich hier schon fragen, ob der unternehmerische Mensch, der flexibel ist und Traditionen ablehnt, wünschenswert ist. Mir kam die Argumentation an manchen Stellen zu durchlässig und zu unreflektiert (im Hinblick auf die Ökonomisierung) vor, was sich später auch anhand des G8 zeigte. Dort hatte ich mir schlicht mehr Aufmerksamkeit für die derzeitigen Probleme von Schülern, Eltern und Lehrern erhofft. Leider werde ich den Eindruck nicht los, dass die Klagen gewissermaßen als Kollateralschäden hingenommen werden – solange, bis sie verstummen. Ich will nicht das G8 zerreden, im Gegenteil, aber die Umsetzung in manchen Bundesländern (auch in Bayern!) bereitet nun mal Schwierigkeiten. Man kann (und darf) sie nicht verleugnen.

Aber zurück zu den Statements. Nach dem Vertreter der Politik und der Bildung folgte (logischerweise) ein Vertreter der Ökonomie. Ausgehend vom Nutzen für den Einzelnen hat Prof. Ludger Wößmann den Nutzen des Bildungssystems hinterfragt. Denn Wirtschaft könne nie Selbstzweck sein. Interessant an seinem Beitrag fand ich drei Aussagen: Erstens ist mir die Unterscheidung in kurzfristige und langfristige Bedürfnisse aufgefallen, denn sie passte gut zur vorangegangenen Diskussion beim Kindergarten zum Verhältnis von Kosten zu Investitionen (man braucht nicht viele BWL-Kenntnisse, um den Kern zu verstehen). Zweitens war für mich befremdlich, dass Bildungsökonomen die G8-Diskussion anhand des potenziellen BIP-Wachstums führen. Das halte ich für etwas verkürzt. Drittens fand ich spannend, dass selbst aus Sicht des Experten unklar ist, was gute Bildung ist. In dem Zusammenhang kam er z.B. auf ökonomische Bildung in der Schule und später auf die Bedeutung des Wettbewerbs für Schulen zu sprechen. Stünden Schulen in einem Ort im Wettbewerb, sei ihr Output (u.a. bei PISA) besser. Was gute Bildung allerdings auszeichnet, wurde meines Erachtens nicht weiter (oder zu wenig) besprochen.

Im Anschluss an die Statements wurde sehr rege gestritten; dies lag vor allem an der Konstellation des Podiums und an den vorherrschenden (teils gegensätzlichen) Meinungen. Von daher war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Gewünscht hätte ich mir allerdings, dass das „Volk“ stärker in die Diskussionsrunde eingebunden würde; immerhin kamen aus dem Plenum sehr gute Anregungen. Auch die Steilvorlage von Helge Städtler hätte man gut für ein Fazit zur Ökonomisierung „benutzen“ können. So blieb am Ende ein Stück weit offen, was man genau unter dem Begriff versteht und wie wir die Ökonomisierung beim Einzelnen verorten müssen. Vielleicht können wir die ungeklärten Fragen zum Themenabend Universität hinüberretten, der am 8. Dezember stattfindet. Wir dürfen gespannt sein.

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Kommentar

  1. Sehr interessant Dein Bericht.
    Ich greife mal nur zwei Begriffe auf, die Dir auch zu fehlen schienen.

    Bildung ohne Tradition ist nicht möglich und ein Selbstbetrug. Jeder Mensch steht in der Tradition seiner Herkunft, Familie, nationaler, ethnischer und auch religiöser Herkunft.
    Dies zu übersehen heißt, ihm seine Wurzeln abzuschneiden und die Evolution zu leugnen.

    Das „Volk“ ist ein Zusammenschluss von vielen Individuen und seinen Familien. Es ist leicht verführbar und erregbar.

    Wer sich mit Bildung beschäftigt sollte sich auch mit der Pädagogik von Maria Montessori und Paulo Freire Pädagogik der Unterdrückung beschäftigen.

    Der Mensch streikt und wiedersetzt sich, wenn er nicht als Einheit von Körper Geist und Seele, von Gefühl, Verstand und Vernunft gesehen und behandelt wird.

    Wer die Gefühle und die Seele eines Menschen missachtet betreibt Schindluder mit mit ihm.

  2. Es sind im Grunde nicht nur die Begriffe, sondern ganze Konzepte oder Sichtweisen, die mir fehlten. Denn – wie sagt man so schön – jeder ist sich selbst am nächsten. Warum sollte ich also aus individualökonomischer Perspektive den Wandel in der Lebens- und Arbeitswelt mit all den Kompromissen, die ich deshalb (bspw. als Arbeitnehmer) hinnehmen muss, gut finden? Frank und ich haben das Verhältnis von Gesamt- und Individualökonomie am Umweltschutz recht anschaulich weiter diskutiert. An dem Beispiel sieht man nämlich sehr gut, wie man individuelles Handeln mit gesellschaftlichem Nutzen verbinden kann und umgekehrt (für weiterführende Kommentare siehe Vereinshomepage). Und natürlich sieht man auch, wie man ganz bewusst (z.B. politisch gewollt) neue Werte ausbilden kann – ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie wir in der Schule über die Einführung des Grünen Punkts und über Sinn/Unsinn von Mülltrennung diskutiert haben. Das war Anfang der 1990er. Heute wird zwar wieder über Mülltrennung diskutiert, aber eher über Art und Anteil der Wiederverwertung als über den Sinn oder Nutzen (was für eine gewisse Internalisierung spricht).

    Was dazu passt und was ich unbedingt noch aufgreifen möchte, ist das Stichwort Tradition: Denn im Bildungskontext wird seit einiger Zeit irgendwie seltsam damit umgegangen und es liegt die Vermutung nahe, dass auch das eine Ausprägung der Ökonomisierung ist: Während unsere Bildungstraditionen alt und im Grundsatz anerkannt sind (siehe hierzu Gabis Workshoperkenntnisse), werden sie zugunsten von Internationalsierung, Standards und Vergleichbarkeit immer mehr über Bord geworfen. Denn Traditionen gelten aus betriebswirtschaftlicher Sicht als angestaubt, wenig gewinnbringend und genauso wenig als innovativ, wenn man zu sehr in ihnen verhaftet. Sie haben ein echtes Imageproblem! Überträgt man dieses ökonomische Prinzip nun auf Bildungseinrichtungen, ist klar, was zu tun ist: Traditionen, die keinen konkreten Nutzen (in Bezug auf Lebens- und Arbeitswelt) bringen, müssen vermieden werden. Basta! Basta? Zumindest mit Blick auf die Ausbildung von sozialen Kompetenzen wird bereits eine Rolle rückwärts angestrebt. Man hat bemerkt, so Prof. Böhle, dass diese besonders in Fächern wie Sport oder Musik erlernt werden.

    Viele Grüße,

    Sandra

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