Was bleibt? #edex13

Nach fünf Tagen intensiver Auseinandersetzung mit „Online and Distance Learning at U.S. Universities“ stellt sich die Frage, was bleibt. Zuerst bleiben sicherlich viele Eindrücke aus den USA, die kultureller Natur sind und nochmals auf Unterschiede innerhalb einzelner Staaten hindeuten. So kann man Kalifornien nicht mit anderen Staaten vergleichen; speziell der Unternehmergeist und die Freundlichkeit bzw. gute Laune der „Amis“ ist wirklich überall spürbar. Bleiben werden zudem die Eindrücke der Stadt: San Francisco ist aufregend, pulsiert und jedes Stadtteil ist verschieden. Das wurde u.a. deutlich an unserem Hotel, das genau zwischen Financial District und Chinatown lag und auch Blick auf den Hafen bzw. die Bay bot. Inhaltlich hatte ich den Eindruck, dass sich deutsche Hochschulen nicht verstecken müssen. Gerade im Bereich des „Basis-E-Learnings“ sind wir oftmals ähnlich aufgestellt, als dies in den USA der Fall ist. Dazu gehören insbesondere LMS und damit zusammenhängende Service- und (mediendidaktische) Beratungsleistungen, wobei ich insgesamt meine, dass in den USA etwas selbstverständlicher Ressourcen für Instructional Design zur Verfügung stehen. MOOCs hingegen haben in den USA aktuell nicht mehr als einen Projektstatus, was sich konkret darin ausdrückt, dass sich viele Akteure darin ausprobieren – als ein Format neben weiteren. Was auf den ersten Blick wie eine knappe Botschaft aussieht, ist für die deutschsprachige Community durchaus bedeutsam: So werden auch in den USA MOOCs nicht als Ersatz für Präsenzlehre gehalten, sondern eher als Erweiterung, z.B. um Präsenzlehre anzureichern (Blended Learning, Flipped Classroom) oder um neue (Bildungs-)Märkte zu erschließen. Letztere betreffen vor allem Weiterbildungsmärkte an den Übergängen zwischen Schule und Studium oder zwischen Studium/Beruf und Online-Programmen. Diese Experimentierfreude ist angenehm zu beobachten, weil sich viele Lehrende trauen und Lehre verändern wollen. Allerdings werden häufig auch Incentives angeboten, dass eine professionelle Haltung zur Lehre attraktiv wird. Meine weiteren Eindrücke beziehen sich auf konkrete Projekte, Personen oder Unternehmen, die wir im Verlauf der Reise kennenlernen konnten. Manche davon waren sehr inspirierend, und ich hoffe sehr, dass sich speziell aus diesen Kontakten mehr ergibt. Die Gruppe selbst wird nun ein kleines Papier zur Reise schreiben, das auch online zur Verfügung gestellt werden soll. Mit dem letzten Tag in Frisco ist das gemeinsame Denken also noch nicht beendet, was mich sehr freut.

Visiting Mr. Spoc(k) #edex13

Der vierte Tag unserer Reise stand im Zeichen der Elite-Unis: Zunächst hatten wir die Gelegenheit, Berkeley (Extension) näher kennenzulernen, im Anschluss besuchten wir dann Stanford. Auf die Besuche hatte ich mich sehr gefreut, da man in Deutschland in vielerlei Hinsicht auf die us-amerikanischen Elite-Unis referenziert und ein kurzer Blick hinter die Kulissen hilfreich ist, um diese besser einzuschätzen. Beide Universitäten waren auf ihre Weise interessant: Berkeley in der Hinsicht, dass wir durch Armando Fox einmal mehr ein MOOC-Konzept kennenlernen durften – ebenso wie seine Einschätzung aus Sicht der Computer Sciences, sodass auch der Umgang mit Akzeptanzraten und automatisch generierten (großen) Daten zum Thema wurde. Spannend für mich waren aber zwei andere Aspekte: Erstens, dass er MOOCs als „Public Good“ betrachtet, die keineswegs akkreditiert/anerkannt werden, sowie zweitens, dass er eher von SPOCs als von MOOCs spricht, also von der Kombination von Classroom und MOOC. Die von Star Trek inspirierte SPOC-Metapher finde ich dabei sehr interessant, da offenbar auch in den US-Universitäten nach einer Pendelbewegung in Richtung vollständiger Offenheit eine Bewegung „zurück“ zu Blended-Learning-Konzepten erfolgt. Ähnliche Bewegungen nehmen wir auch in Deutschland wahr. In Stanford war für mich der Vortrag sowie das anschließende Gespräch mit Paul Kim interessant, der sehr deutlich machte, dass man als globale Universität auch globale Zielgruppen (u.a. via MOOCs) erreichen sollte. Zugleich wurde seine Präferenz für problemorientiertes Lernen deutlich, das auch in seinem MOOC praktisch wurde. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass hier Inhalt (Entwicklung von Lernumgebungen) und Form (PBL) stimmig miteinander verbunden wurden – auch oder sogar in MOOCs. Daran merkt man letztlich, dass Forschung und Lehre (zumindest in den forschungsstarken Unis) in den USA weniger getrennt sind, als dies in Deutschland mitunter der Fall ist. Auf meine Frage zum forschenden Lernen meinte Kim so auch, dass in Stanford unterschiedliche Lernformen grundsätzlich mit einer Forschungsperspektive kombiniert werden. Mit dem vierten Tag endeten auch die großen Besuche. Es folgt ein Debriefing mit der Gruppe.

Tag 3 #edex13

Tag 3 stand wieder im Zeichen des Besuchs. So haben wir gleich in der Früh die Chance genutzt, nach San José zu fahren und an der San José State einige Beispiele für MOOCs kennenzulernen. Der Besuch machte einmal mehr deutlich, dass sich die MOOC-Bewegung in (mindestens) drei größere Diskussionen einfügt: in die Diskussion um Online-Education, wie ich gestern bereits andeutete, in die Diskussion um Open Education, was angesichts zentraler Postulate rund um die Offenheit klar scheint, sowie in die Diskussion um Hochschule und Hochschulbildung generell (auch wenn in den USA niemand von Bildung spricht). Besonders angenehm fand ich dabei, dass wir einen interessanten cMOOC für Bibliothekare („The Hyperlinked Library„) kennenlernen durften, der andere Lernziele als die bisher gezeigten xMOOCs verfolgt und viel stärker die eigene Institution als Basis für das Online-Angebot einbezog. Inhaltlich referenziert wurde u.a. auf Jenkins, der uns im Zusammenhang mit Participatory Culture ebenfalls ein Begriff sein sollte. Am Nachmittag trafen wir u.a. einen Vertreter des Sloan Consortium, der klar machte, inwiefern Medien und Medienwandel auch eine Transformation von Hochschule und Hochschulbildung anstoßen (können). Besonders eindrücklich fand ich dabei folgende Aussage von Bruce Chaloux: „The distinction between online and on campus continues to diminish and will do so rapidly in the next few years“. Die Frage nach der „‚Course-ification‘ of Learning“ stand danach im Fokus von Ralph Wolff, der der Akkreditierungsagentur WASC angehört. Der Vortrag war sehr interessant, weil er letztlich deutlich machte, vor welchem nächsten Schritt die MOOC-Bewegung steht: nämlich vor der Anerkennung der Kurse in Programmen, die auch eine Zertifizierung des Lernens ermöglichen. Ob und inwieweit dies möglich ist, scheint noch offen zu sein. Einige Konzeptpapiere zur Akkreditierung von MOOCs bieten Einblicke in gegenwärtige Diskussionen, die letztlich auch die (offenen) Fragen der Gruppe spiegeln.

Einen schönen Abschluss fand der Tag beim asiatischen Dinner, zu dem u.a. auch einige Fulbright-Studierende geladen waren. Sie boten uns abseits von Hochglanz-Präsentationen Einblick in ein Studium in den USA, was ich persönlich als sehr gewinnbringend empfand. So wurden durch die Gespräche z.B. Geschäftsmodelle im Bereich von Online-Education klar (Online-Kurse sind oft billiger zu absolvieren) und damit auch Entscheidungsprozesse der Studierenden offengelegt, die aus einer deutschen Sicht auf freie Teilnahme an Lehrveranstaltungen sicher ungewohnt sind.

Zu Besuch #edex13

Der zweite Tag der Expertenreise stand ganz im Zeichen des Besuchs. In der Früh war die Gruppe zu Gast bei der Golden Gate University in Friscos Stadtmitte, am Nachmittag ging es zu Coursera nach Mountain View. Der Tag hätte dabei unterschiedlicher kaum ausfallen können: Während am Morgen eher Basis-E-Learning im Vordergrund stand, versprühte der Nachmittag viel Spirit in Richtung von Online-Lernen. Wenn man sich seit Jahren mit dem Lehren und Lernen mit Medien auseinandersetzt, mag ersterer Teil daher eher gewöhnlich, wenig innovativ, ja Alltag gewesen sein. Dennoch braucht es diese Auseinandersetzung m.E. immer wieder, um den Konnex zwischen dem Phänomen MOOCs und dem Lehren und Lernen mit Medien herzustellen. Durch die ganze Euphorie rund um MOOCs und breite Berichterstattung werde ich nämlich den Eindruck nicht los, dass man so tut, als hätte es zuvor keine Forschung und Praxisinnovationen in diese Richtung gegeben. Über die Implementierung von Moodle und dessen Nutzung für Präsenz- und virtuelle Lehre zu sprechen, ist daher deutlich näher daran, was „Online Education“ in Deutschland ausmacht und offenbar auch stellvertretend für Basisangebote in den USA steht. An die Basis, nämlich von xMOOCs, ging es danach mit der Fahrt zu Coursera: Hier hatten wir die Gelegenheit, das Start-up mit seinen Grundideen zum Online-Lernen näher kennenzulernen. Die Präsentation des Unternehmens war dabei für mich recht eindrucksvoll, insbesondere wurde frischer Wind und Begeisterung für Online-Education versprüht. Letzteres ist interessant, da ich in meiner Grundhaltung gegenüber xMOOCs kritisch bin und angesichts der Präsentation ein wenig positiver gestimmt bin. Warum? Weil sich das Angebot von einem klassischen, instruktionalen Online-Kurs hin zum Blended Learning wegbewegt und damit Präsenzlehre (wieder) einen Stellenwert einräumt. „Präsenzlehre“ wird allerdings anders konturiert, entweder durch umgedrehte Klassenzimmer („Flipped Classroom“) oder durch organisierte (Lern-)Gruppentreffen an den unterschiedlichsten Standorten in der Welt (wie in der Fernlehre). Für mich klang die Entwicklung fast wie eine Abkehr von der ursprünglichen xMOOC-Idee, die nämlich der Interaktion zwischen Lehrenden und Peers nur eingeschränkt Raum bot. Bildungspolitisch interessant war/ist zudem die Aussage, dass die Kurs-Teilnahme bei Coursera weiterhin kostenfrei bleiben soll. Das klingt plausibel, wenn sich das Start-up aktuell durch kostenpflichtige Teilnahmezertifikate refinanziert. Nur von Offenheit wird dann bald weniger die Rede sein, wenn – wie erwartet – Geld ins Spiel kommt.

In die Vollen #edex13

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es heute mit Expertenvorträgen in die Vollen: Was versteht man unter Online-Education und welchen Stellenwert nehmen Online- und Distance Learning in den USA ein? Beide Fragen standen (grob) im Fokus des ersten Vortrags von I. Elaine Allen, die man in Deutschland durch die Langzeitstudie „Changing Course. Ten Years of Tracking Online Education in the United States“ kennen könnte. Ich selbst habe die Studie für einen Vortrag verwendet, weshalb die Ergebnisse für mich nicht überraschend waren; eher wirkten sie nochmals bestärkend darin, dass man sehr genau hinsehen muss, wann und unter welchen Bedingungen Online-Lernen in den USA eingesetzt wird. So liegt ein Fokus eher auf ganzen Studienprogrammen als auf eigenen Kursen sowie auf der Überbrückung von (räumlicher) Distanz. Letzteres wird plastisch, wenn man sich vor Ort die weite(re)n Wege klar macht. Der zweite Vortrag von David Theo Goldberg (DML) richtete sich auf die Hochschule im digitalen Zeitalter: Welche Veränderungsprozesse werden dort angestoßen? Für mich war dieser Vortrag sehr anregend, da umfangreich dargestellt wurde, vor welchen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen wir stehen und dass diese Veränderungen auch die Hochschule berühren: angefangen beim notwendigen Wissen und Können über adäquate Lernformen wie das vernetzte Lernen bis hin zu ökologischen Fragen, womit vor allem mediengestützte Lernumgebungen oder vielmehr Medienökologien gemeint waren. Ich muss daher nochmals genauer in einer Publikation nachlesen, welche Konsequenzen sich für Lehre und Forschung aus der Fokussierung auf Medienökologien ergeben. Kenneth Green habe ich vor allem für die Infrastruktur-Sicht auf Medien an der Hochschule wahrgenommen. Schließlich folgte James Glapa, der an einem Community College u.a. für OER zuständig ist. Letzteres ist insofern interessant, da für Kalifornien eine strategische Entscheidung für den Einsatz von OER in Bildungseinrichtungen getroffen wurde, nicht zuletzt aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Wie OER allerdings eingesetzt werden können/sollen, wurde eher ausgeklammert, d.h. gerade die Frage nach offenen Bildungspraktiken, die mich zuletzt intensiv beschäftigt hat. Zusammen genommen bot der heutige Tag also ein breites Spektrum, das keineswegs voll von MOOCs war, sondern auch andere Themen wie OER aufgriff und andiskutierte. Morgen Früh steht dann der erste „Side Visit“ zur Golden Gate University auf dem Programm.

Fragen, die auf Antworten warten #edex13

Im Vorfeld der Expertenreise „Online and Distance Education at U.S. Universities“ habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was mich eigentlich am USA-Aufenthalt reizt und inwieweit meine Interessen mit dem gegenwärtigen MOOC-Trend in Verbindung stehen. So frage ich mich zuvorderst – und das ist sicher eine größere Frage – welche Rolle eigentlich die Universität im 21. Jahrhundert spielt. Inwieweit ist „transmission of knowlegde“, wie es die Amerikaner vielleicht nennen würden, noch aktuell? Welche Veränderungsprozesse wirken auf Hochschulen als Bildungsinstitutionen durch „digital education“ ein? Welche Idee von Lernen und Bildung verfolgen professionelle Gestalter von Lehre drüben wie hier? Bildungsbegriff und ein emanzipatorisches Verständnis von Bildung sind es auch, die zu unterschiedlichen Hochschultraditionen in Deutschland und in den USA führen. Es stellt sich also auch die Frage, was deutsche Hochschulen eigentlich aus den USA lernen können (und umgekehrt). Inwiefern können Ideen und Konzepte (nicht) einfach übertragen werden? Woran macht man Übertragungsmöglichkeiten fest? Bei allen übergeordneten Fragen interessiere ich mich genauso für praktische Konsequenzen des MOOC-Trends, denn (Medien-)Didaktik als Lehre vom Lehren und Lernen (mit Medien) hat schließlich immer beides im Blick: Reflexion des Lehrgeschehens mittels Theorien (und Empirie) sowie Praxis(-veränderung). So muss man zum gegenwärtigen (x)MOOC-Trend durchaus kritisch Stellung beziehen und nach Ursachen für die neue Beliebtheit frontal organisierter Online-Kurse fragen. Oder zeigen sich nach einer ersten Erprobungsphase sowie ambivalenten Erfahrungen nun ausgefeiltere didaktische Konzepte, dass ich mein Urteil revidieren muss? Ich werde diese (und weitere) Fragen im Kopf behalten – mal schauen, ob ich ab morgen Antworten darauf finde.

Expertenreise: „Online and Distance Education at U.S. Universities“ #edex13

Wenn dieser Beitrag online geht, bin ich sicher in San Francisco gelandet und sehe den kommenden Tagen am Pazifik mit Freude entgegen: nicht nur wegen der sehenswerten, hippiesken Stadt, sondern vor allem wegen der Expertenreise zu „Online and Distance Education at U.S. Universities“, die vor mir liegt. Die Reise der Fulbright-Kommission und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft bringt allerhand „Educational Experts“ zusammen, die sich für das Lehren und Lernen mit Medien an der Hochschule verantwortlich zeichnen. Gespannt bin ich nicht nur auf die Expertengruppe selbst, die heterogen besetzt ist und einen interessanten Austausch verspricht, sondern auch auf das Zusammentreffen mit professionellen Gestaltern von Hochschullehre in den USA. Zudem freue mich darauf, mehrere Hochschulen an der Westküste vor Ort besuchen zu dürfen, darunter einige Elite-Unis, sowie mit den Machern von Coursera in den Austausch zu treten. Denn natürlich werden MOOCs auf der Reise eine große Rolle spielen: mediendidaktisch, was die Kurskonzeption, -umsetzung und (curriculare) Integration angeht, genauso wie bildungspolitisch, indem bspw. nach System-Ähnlichkeiten und -Unterschieden zwischen deutschem und US-amerikanischem Hochschul-/Bildungssystem gefragt wird. Die Reise verspricht daher in jeglicher Hinsicht besonders zu werden. Das ist auch der Grund, warum ich meinen Blog für gut eine Woche zum Reiseblog umfunktionieren werde. Mal schauen, was es aus den Staaten zu berichten gibt.

Wenn Studierende zu Lehrenden werden…

Wie vermittelt man eigentlich Lernformen und solche Inhalte, die eng mit Lernkonzepten und Medieneinsatz für Lehren und Lernen zusammenhängen? Diese Frage habe ich mir zu Beginn des Sommersemesters häufig gestellt, da ich eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Lernformen mediengestützten Lernens“ planen musste (zum gesamten Lehrangebot) und letztlich eine angemessene didaktische Umsetzung anbieten wollte. Während die Wahl der Inhalte zwar auch schwierig, aber irgendwann klar war, gestaltete sich die Findung eines didaktischen Szenarios durchaus komplex. Welche zusätzlichen Aufgaben kommen bspw. auf Studierende zu, wenn sie sich problemorientiert mit den ausgewählten Lernformen auseinandersetzen? Sind sie im ersten Semester eines nicht-konsekutiven Masterstudiengangs überhaupt in der Lage, sich über Inhalt (Lernformen) und Form (Vermittlungsformate) gewissermaßen zeitgleich Gedanken zu machen?

Da sich die Fragen nicht abschließend beantworten ließen, entschied ich mich für ein Mischkonzept, das dem Cognitive Apprenticeship nahesteht: Nach einer kurzen Einführungsphase, die eher stark strukturiert und geleitet war, übernahmen die Studierenden selbst die Vermittlerrolle und konzipierten zweiwöchige Blended-Learning-Szenarien zu thematisch abgegrenzten Einheiten (siehe Abbildung).


Dieses Schlüpfen in die Lehrendenrolle war und ist mir wichtig, da Studierende Konzepte oder didaktische Szenarien mitunter erst durchdringen, wenn sie diese mit eigener konzeptioneller Tätigkeit oder persönlichen Lernerfahrungen verbinden können. „Lernen durch Lehren“ im mittleren Teil des Seminars einzusetzen, lag daher durchaus nahe. Am Schluss des Seminars standen vor allem die Erfahrungen mit der eigenen Lehrtätigkeit im Vordergrund, da die Erarbeitung von Inhalten weniger herausfordernd angesehen wurde als deren angemessene Darbietung für die Kommilitonen. Mit dieser Selbstwahrnehmung der Studierenden war in Teilen zu rechnen, wenn auch die Intensität der jeweiligen Lehr-Eindrücke für mich überraschend war: Selbst diejenigen Studierenden, die einen pädagogischen Hintergrund aufweisen oder bereits lehrend tätig waren, hatten Respekt vor der veränderten Aufgabenstellung, insbesondere in Abgrenzung zum Referat. Umso größer war die Freude der Studierenden, wenn ihre Arrangements „geklappt“ haben, wenn sie also ihre Mit-Studierenden zum Mit-Machen motivieren konnten, wenn die Abläufe reibungslos klappten und wenn die Abschlussevaluationen positive Rückmeldungen hervorbrachten.

In der Rückschau besonders interessant sind die Seminararbeiten, die mit einigem Abstand zur Lehrveranstaltung in der Gruppe geschrieben wurden: Sie arbeiten den theoretischen Stand zu den Lernformen auf, skizzieren das eigene Vermittlungskonzept sowie Herausforderungen in der Umsetzung aus unterschiedlichen Perspektiven. Dass diese gemeinsame, schriftliche und eben auch fundierte Rückschau wichtig ist, zeigt sich u.a. in einem Studierendenzitat, das sinngemäß darauf verweist, dass theoretische Inhalte der eigenen Lehrtätigkeit mit dem zeitlichen Abstand viel tiefer verarbeitet wurden, nicht zuletzt durch die neuerliche Bearbeitung der einbezogenen Literatur. Ein solches Feedback ist klasse, zeigt es doch, dass ein wesentliches Lernziel, nämlich das Erarbeiten und Begreifen exemplarischer Lernformen aus Studierendensicht, erreicht wurde. Kritisch zu sehen sind allerdings die Lernerfolge bezogen auf die Lernformen, die „nur“ als Teilnehmende erlebt wurden: Hier fallen Verstehens- und Behaltensleistungen deutlich geringer aus – ein Aspekt, der für solche Konzeptionen sicherlich typisch ist, aber zum Nachdenken und zur Re-Konzeption anregt.

EinBlick: Anwendungsprojekt

Wenn sich alle herausputzen und das schöne Wetter zur irrelevanten Nebensache wird, weiß man, es ist wieder Zeit für’s Anwendungsprojekt im Studiengang E-Learning und Medienbildung. Das Anwendungsprojekt ist ein im Masterstudiengang fest verankertes und mit hohem Workload verbundenes Projekt, das neben dem Forschungsprojekt und der abschließenden Masterarbeit größte Relevanz hat (siehe Studien- und Prüfungsordnung). Obschon viele (auch Medien-)Studiengänge Projektorientierung befürworten, ist diese Aufteilung und bewusste Integration von Anwendung und Forschung speziell im Master eher ungewöhnlich. Sie passt aber sehr gut zu den (Lern-)Zielen des Studiengangs und nicht zuletzt zu den Studierenden selbst, die aus den unterschiedlichsten Bachelor-Studiengängen stammen und gerade im Aspekt der Anwendung einen „USP“ des Studiengangs ausmachen.

Trotz vieler Erfahrungen im medienpraktischen Bereich stellt das Anwendungsprojekt für Studierende aber eine große Herausforderung dar: Allein die knappe und klar geregelte Laufzeit des Projekts bringt nicht wenige ins Schwitzen; auch der öffentliche Präsentationstermin tut sein Übrigens, wenn Externe in der Pädagogischen Hochschule zu Besuch sind und ihr Urteil zu den Teilprojekten abgeben – ein nicht planbares Urteil, während die Fragen der internen Projektbetreuer oder -partner im Wesentlichen erwartbar sind. Insofern hält das Anwendungsprojekt sowohl Studierende als auch Lehrende auf Trab, wenn sie seit Ende April bis (etwa) Ende Juli die diversen Teilprojekte der Studierenden begleiten, Rückmeldungen im Prozess geben, aber nicht zu sehr in diesen eingreifen, das Praxiskolloquium in ähnlicher Intensität durchführen wie ein „klassisches“ Masterkolloquium am Ende des Studiums etc. Bei aller Unterschiedlichkeit der Erfahrungen und auch der ausgewählten Projekte sind die Diskussionen dabei im Kern überraschend gleich: Immer geht es um die Fokussierung auf eine Idee, deren eindeutige Umsetzung in ein mediales Angebot, die Positionierung des (späteren) Produkts vor lehr-lerntheoretischem Hintergrund oder das Für und Wider von technischen Anwendungen u.a. aus mediendidaktischer Sicht – Aspekte, die einerseits für Medienprojekte spezifisch, andererseits aber auch der Projektmethode zuzuschreiben und als individuelle Lernprozesse gewollt sind.

Ich selbst war und bin als Lehrende gerne Teil des Anwendungsprojekts, weil es zeigt, wie gut theoretisch vermittelte Inhalte von den Studierenden nach zwei Semestern verarbeitet wurden und wie Theorie in Projekten gewissermaßen praktisch wird. Herausfordernd ist sicherlich der akademische Kontext, innerhalb dessen die Projekte entstehen: Oftmals angestoßen aus Problemen der Praxis(-partner) bleibt die Frage offen, wie sich Verknüpfungen zum Studium an der PH herstellen lassen. Diese geraten im praktischen Tun oft außer Acht und bedürfen aus akademischer Sicht einer Begleitung (aber sicherlich nicht der Überfrachtung). Im Prozess wurden die Studierenden daher dazu angeregt, sich mit Reflexionsfragen auseinanderzusetzen, die nicht in die Bewertung eingingen, aber zum Gegenstand der Diskussionen im Praxiskolloquium wurden. Auch wird jedes im Anwendungsprojekt entstandene Projekt durch eine schriftliche, kriteriengeleitete Dokumentation untermauert, was letztlich die Brücke zwischen Anwendung und Theorie bzw. Konzeption schlagen soll. Ob und inwieweit das Anwendungsprojekt in diesem Jahr gelungen ist, werden wir morgen lesen können: Dann werden alle Dokumentationen eingereicht. Was wir letzten Mittwoch bei der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse bereits sehen durften, war schon ein toller Vorgeschmack und ich freue mich – nicht zuletzt für die sehr engagierten Studierenden – auf den tatsächlichen Abschluss des Anwendungsprojekts am morgigen Tag.

Lost im Wiki

In jedem didaktisch geprägten Buch findet sich ein kurzer Abschnitt zu Prüfungsformen, die bei alternativen didaktischen Szenarien anzupassen sind. Diese Feststellung wird jede/r unterschreiben, denn klassische Prüfungen wie Klausur und Hausarbeit entsprechen kaum dem, was man als Lern- und Kompetenzziele bspw. mit offenen Lernumgebungen verbindet und wie man diese didaktisch aufbaut bzw. strukturiert. Dennoch sind es gerade die Prüfungsformen, die als Lehrende immer wieder Bauchschmerzen bereiten: Man muss sich mit der Prüfungsordnung auseinandersetzen, wie ich überhaupt prüfen darf, man muss kreativ werden, um über den Tellerrand bekannter Möglichkeiten zu schauen, und man muss selbst auch ein wenig neugierig sein, zu welchen Prüfungsleistungen Studierende im Stande sind, wenn man sich von bewährten Formaten konsequenterweise löst. Nun deutet die Überschrift dieses Beitrags bereits an, dass dieses Lösen vom Gewohnten keineswegs einfach ist, schon gar nicht aus Lehrendensicht: Wie bewertet man bspw. digitale Prüfungsleistungen, die keine lineare Struktur aufweisen, wie findet man sich selbst darin zurecht? Erst kürzlich stand ich selbst wieder vor der Herausforderung, ein Wiki zu bewerten, das durch die hypertextuelle Struktur überzeugen sollte (so mein eigens gestellter Arbeitsauftrag). Was dann in der Phase der Bewertung folgte, war eher ein Gefühl von „Lost“ als die totale Begeisterung über die vernetzte Darstellungsform. Und das ist schon einigermaßen erstaunlich, wenn man seit Jahren veränderte Prüfungsformen anbietet und diese auch korrigiert und bewertet. Was lerne ich daraus? Wer sich alternative didaktische Szenarien ausdenkt und auch Prüfungsformen dahingehend anpasst, muss nicht nur mit fragenden Studierenden und ihrem Gefühl von Unsicherheit umgehen, sondern zuvorderst sich selbst daran erinnern, warum eine veränderte Prüfungsform (mit oder ohne digitale Medien) zu diesen Szenarien gehört, und zwar zwingend!