Was ist (schon) gerecht? | Digitale Lerninfrastrukturen im Spiegel aktueller Forschung

An unterschiedlichen Stellen habe ich bereits angedeutet, dass ich mich im Rahmen meines Forschungssemesters gezielt mit Fragen von Normativität befasse. Besonders interessieren mich dabei Normativitäten, die durch unser aller Vorstellungen in formale Bildung, insbesondere aber ins Studium und damit der Hochschulbildung eingeschrieben sind und durch Technologie weiter verfestigt werden. Und genau das bedeutet leider auch: Bildungsungleichheiten werden gerade nicht durch den vermeintlich gezielten Einsatz von digitalen Lerninfrastrukturen abgebaut. Zu diesem Schluss komme ich auch deswegen, weil wir aufgrund von > 70 Jahren diesbezüglicher Forschung wissen, dass Technik allein kaum im Stande ist, das Lernen zu verändern oder – Gesellschaft als das große Ganze im Blick – ‚gerechter‘ zu machen. Stattdessen reproduzieren Forschende wie Akteur*innen einer ‚digitalen Bildung‘ vielfach Vorstellungen eines solchen Glaubens, was mich immer deutlicher nach den Grenzen von Technologie fragen lässt. Denn was gerecht ist, lässt sich nicht damit beantworten, dass eine beliebige Plattform für das eigene Lernen zum Einsatz kommt. Stattdessen findet hier Verantwortungsdelegation ‚nach unten‘ statt und damit eine Beteuerung von Selbstorganisation, die nicht einmal mehr nach der Selbstorganisationsfähigkeit von Menschen fragt und die ohnehin ausgeprägte Konsumhaltung bei Lernenden als Nutzer*innen verstärkt. Und Nutznießer*innen dieser Entwicklungen sind zugleich andere.

In die allgemeinen Überlegungen rund um die in meinem professionellen Feld noch immer ausgeprägte Möglichkeitsorientierung reihten sich in der zurückliegenden Woche gleich zwei Termine ein:

So fand (1) ein Treffen in ganz kleiner Runde statt, das sich entlang bildungspolitischer Initiativen letztlich an der Frage abgearbeitet hat, was im Kontext von Plattformökonomie(n) gerecht ist respektive sein kann. Mit dieser Frage bin ich in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen ständig befasst, dass ich nicht lange brauchte, um einem solchen Treffen zuzustimmen, im Gegenteil: Gerade weil der Glaube an Technologie weiterhin geradezu ideologisch aufgeladen ist, war sehr erfrischend, dass wir in dieser Runde unter Forschenden der Erziehungs- und Sozialwissenschaft sowie Informatik rasche Einigkeit erzielen konnten, was uns gegenwärtig (an-)treibt – und wir dementsprechend viel lieber darüber ins Gespräch kamen, wie sich Gerechtigkeit im Spiegel aktueller Forschung ‚fassen‘ lässt, einschließlich der Prämisse, aktuelle Formen von Datafizierung nicht einfach fortzuschreiben (für einen Überblick siehe unseren bald verfügbaren Band ausgehend vom Aid-Projekt). Solche diskursiven Gespräche über Grenzen hinweg sind in aktueller Wissenschaft selten geworden und inspirieren mich und meine Arbeiten daher sehr. 

Auch das Wissenschaftsgespräch des diesjährigen Dies Academicus der FernUniversität in Hagen war (2) ausgerichtet auf die Frage, „[w]ie Technologie das Lernen, das Bildungssystem und die Hochschulen verändert“. Neben dem Kollegen Thomas Ludwig war ich zum Gespräch vor interessiertem Publikum mit der Rektorin eingeladen, worüber ich mich nicht zuletzt deswegen sehr gefreut habe, weil ich Runden dieser Art aus unterschiedlichen Gründen interessant und auch wichtig finde: Anhand von sehr konkreten Beispielen wie ChatGPT konnten wir über eine Automatisierung des Lernens sprechen und angesichts der Konstellation der Beteiligten waren wir jeweils zur Positionierung aufgefordert. Auch deswegen standen Grenzen einer Optimierung von Lernen und Bildung gleichermaßen im Raum wie Fragen von Heterogenität, einschließlich aller Erwartungen, die mit einer (vermeintlichen) Individualisierung von Lernen und Bildung einhergehen. Gerade weil (Bildungs-)Technologien hier nicht ‚gerecht‘ agieren, war mir wichtig, auf die Grenzen unseres Handelns auch ökonomiekritisch zu verweisen. Auf welches Problem Digitalisierung die Lösung ist, stand frei nach Armin Nassehi somit einmal mehr im Raum.

Rund um(s) Studieren

In diesen Tagen erscheinen insgesamt drei Artikel, die sich mit unterschiedlichen Fragen des Studierens befassen, beispielsweise mit Fragestellungen rund um Universität und Hochschule und der Gewordenheit von Hochschullehre, aber auch mit Studierenden selbst. So schaue ich mit diesen Beiträgen auf bestehende empirische Ergebnisse und schließe daran theoretische Überlegungen an, die mich auch in meinem Forschungssemester unter dem Titel „Normativitäten des Studierens“ weiter beschäftigen werden. Dazu an anderer Stelle mehr.

Der erste Beitrag, der dieser Tage erscheint, stellt Kernergebnisse meines Parallelvortrags im Kontext des zurückliegenden DGfE-Kongresses 2022 zusammen und befasst sich mit den Ordnungen des Felds Digitalisierung und Hochschulbildung. Der Artikel nimmt den Ausgang bei empirischen Ergebnissen insbesondere des You(r) Study-Projektes und lotet ausgehend davon aus, wie sich das Feld Digitalisierung und Hochschulbildung darstellt. Auch daher komme ich in diesem Beitrag nicht umhin, mit Rekurs auf die Arbeiten Ulrich Becks auf machtförmige Konstellationen zwischen (Erziehungs-)Wissenschaft und (Bildungs-)Politik zu verweisen. 

Hofhues, S. (2023a). Digitalisierung und Hochschulbildung. Ordnungen eines Felds unter Pandemie-Bedingungen. In A. Heinemann, Y. Karakaşoğlu, T. Linnemann, N. Rose & T. Sturm (Hrsg.), Ent|grenz|ungen. Beiträge zum 28. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (S. 111-124). Leverkusen: Barbara Budrich.

Ein zweiter Beitrag knüpft an den Möglichkeiten an, die durch Digitalisierung für eine hybride Lehre gegeben sind, Universitäten und Hochschulen aber vor allem eins zeigt: ihre chronische Unterfinanzierung. Käme es Studierenden nämlich aus ihrer Sicht auf ihr Studium entgegen, Lehrangebote in Form von Tracks zu organisieren, scheinen genau hier Grenzen organisierter Hochschulbildung auf. Inwieweit damit Fragestellungen rund um den aktuellen Diskurs zwischen Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik berührt werden, ist meiner Einschätzung nach auch im Kontext des ‚Doings‘ noch näher zu diskutieren und kann im Band „Wissenschaftsdidaktik III“ (herausgegeben von Gabi Reinmann und Rüdiger Rhein) näher nachgelesen werden.

Hofhues, S. (2023b). Studieren in der Gegenwart: Kulminationspunkte von Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik im Vollzug. In G. Reinmann & R. Rhein (Hrsg.), Wissenschaftsdidaktik III. Perspektiven (S. 33-51). Bielefeld: transcript.

Mein dritter Beitrag reflektiert die Möglichkeit einer erziehungswissenschaftlichen Digitalisierungsforschung und erscheint pünktlich zur nahenden Jahrestagung des Hagener Forschungsschwerpunkts ‚Digitale Kultur‘ (herausgegeben von Thomas Bedorf und Peter Risthaus). Mit der methodologischen Setzung im Beitragstitel verhandele ich somit insbesondere den Aspekt der Erträge einer Digital Science oder Data Science für eine (kritische) Erziehungswissenschaft. Um Digitalität zu verstehen, so meine im Beitrag verfolgte These, müsste es – im Anschluss an Arbeiten zur erziehungswissenschaftlichen Medienforschung – eine erziehungswissenschaftliche Digitalisierungsforschung geben. Anhand unterschiedlicher empirischer Beispiele zeige ich konkrete Anknüpfungspunkte zu weiterer Erforschung auf.

Hofhues, S. (2023c/im Erscheinen). Zugänge des Verstehens: Konturen erziehungswissenschaftlicher Digitalisierungsforschung. In Th. Bedorf & P. Risthaus (Hrsg.), Digitale Hermeneutik. Reihe „Digitale Kulturen“. Hagen: h.u.p. (weitere Daten noch nicht bekannt.)

Veranstaltungstipp zum neuen Jahr: Vortrag zu „Studieren in der Digitalität“ an der Universität Hamburg

Gleich im neuen Jahr bin ich in einer Ringvorlesung (Digital University Teaching Literacy (DUTy)) der Universität Hamburg zu Gast. Hiermit mache ich gerne auf meinen zugehörigen Vortrag am 10.1.2023 (16.00-18.00 Uhr) zu „Studieren in der Digitalität“ aufmerksam – der Impuls ist öffentlich und Gäste sind herzlich willkommen.

– verschoben auf den 07.02.2023 | zur Aufzeichnung

Aus meinem Abstract:

Hochschulen als Bildungseinrichtungen richten ihren Blick gewöhnlich auf die spezifische Lehr-Lern-Organisation eines Studiums. Diese Überlegungen fußen auf Soll-Vorstellungen (Normal-)Studierender und schließen auf unterschiedlichen Ebenen Aspekte didaktischer Gestaltung ein. In einer solchen Gemengelage rund um Hochschulsteuerung und -planung gerät allerdings aus dem Blick, dass sich Studierende ihr Studium auch selbst aneignen könn(t)en und als Bildungssubjekte nicht immer so studieren, wie es sich Hochschulen mit ihren Mitgliedern wünschen (würden) oder für sie vorsehen. Auch deswegen rücken im Vortrag zuerst kontingente, d. h. wiederkehrende Lesarten Studierender in den Fokus. Anschließend wird das Studium der je spezifischen Gegenwart zum Thema gemacht – Stichwort: Digitalität. Das Fazit enthält schließlich Hinweise zur Ökonomie des Studierens nicht nur in der Digitalität.

(zur Ringvorlesung einschl. Anmeldung)

Studieren in der Pandemie: Beitrag zu „Praktiken forschenden Lernens“

In den letzten Tagen sind wieder einige Publikationen erschienen, die den Blick auf’s Studieren in der Pandemie richten und nach der Organisation von Studium und Lehre in der vermeintlichen Post-Corona-Zeit fragen. Solche Beiträge finde ich aus unterschiedlichen Gründen interessant: So halten Autor*innen ihre Überlegungen zur Online- und Fernlehre unter pandemischen Bedingungen fest und sie denken zugleich über mögliche Umwälzungen laut nach, die Studium und Lehre angesichts der Pandemie betreffen könnten. Darüber hinaus skizzieren fast alle Beiträge Spannungen, Widersprüche und Zielkonflikte, die in der Pandemie aus Steuerungsperspektive besonders deutlich wurden.

Diese Spannungen, Widersprüche und Konflikte dokumentiert zweifelsohne auch der Band „E-Learning“, den Ullrich Dittler in der nunmehr 5. Auflage herausgegeben hat, wenngleich mich manche von ihnen an einen älteren Beitrag zur „Begrenzten Hochschulentwicklung“ erinnern, den ich mit Kolleg*innen zur Jahrestagung der GMW im Jahr 2018 verfasst habe. Aufgrund dieser länger anhaltenden Beschäftigung mit (der Organisation von) Studium und Lehre betrachten Jennifer Grüntjens, Sabrina Schaper und ich in unserem aktuellen Artikel auch „Praktiken forschenden Lernens“ in der Online- und Fernlehre in zwei von uns betreuten Modulen der bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Studiengänge der FernUniversität. 

Aus der Zusammenfassung: „Dieser Beitrag beschreibt, dass nicht nur Lehren und Lernen, sondern auch Forschen durch eine „Kultur der Digitalität“ bedingt ist. Mit Rekurs auf das forschende Lernen wird verdeutlicht, wie dann in „digitalitätsbedingte“ Praktiken innerhalb von Universität eingeführt werden kann (und sollte). Dabei wird auf (eigene) Erfahrungswerte aus zwei Modulen der beiden erziehungswissenschaftlichen Studiengänge der FernUniversität in Hagen zurückgegriffen, da hier Fernstudium und Online-Lehre praktisch einhergehen und forschendes Lernen in den betrachten Modulen in, mit und durch digitale Medien erfolgt. Im Folgenden rücken die wissenschaftlichen Praktiken des Organisierens, Recherchierens, Reflektierens und Vernetzens und ihre Verschränkung mit digitalen Medien in den Fokus. Über einzelne Beispiele hinaus lässt sich schließlich festhalten, dass Medien immanenter und konstitutiver Teil von Forschung und Wissenschaft(-spraktiken) sind. Dafür ist eine Reflexion und Rahmung dieser Praktiken als Wissenschafts- und Medienpraktiken sowie ihre Aufnahme in Lehr-Lernveranstaltungen jedoch unerlässlich.“ (Grüntjens et al., 2022, S. 119).

Eine angenehme Lektüre!

Quelle: Grüntjens, J., Schaper, S. & Hofhues, S. (2022). 5. FernUniversität in Hagen: Praktiken forschenden Lernens. In U. Dittler (Hrsg.), E-Learning. Digitale Lehr- und Lernangebote in Zeiten von Smart Devices und Online-Lehre. 5. Aktualisierte Auflage (S. 119-138). München: De Gruyter Oldenbourg.

Drei Beiträge – eine Diskussion über die Organisationswerdung von Universität und Hochschule zwischen Digitalisierung und Digitalität

In den letzten Tagen sind zwei Bücher erschienen, die mehr als einen Blick Wert sind: Zum einen ist die Neuauflage des Handbuchs Medienpädagogik von Uwe Sander, Friederike von Gross und Kai-Uwe Hugger online verfügbar, in dessen Rahmen ich zwei Beiträge beisteuern durfte. Zum anderen ist der Herausgeberband „Wie Corona die Hochschullehre verändert“ von Ulrich Dittler und Christian Kreidl eingetroffen, in dem Kai-Uwe Hugger und ich auf ein Seminarkonzept im von der Pandemie geprägten Sommersemester 2020 zurückblicken.  

a) Beiträge zu „Hochschule“ und „OER“ im Handbuch Medienpädagogik (Sander, von Gross & Hugger, 2021)

Im Klappentext zum Handbuch Medienpädagogik heißt es wie folgt: „Das Handbuch Medienpädagogik liefert einen fundierten und systematisch aufgebauten Überblick über Theorien, Forschung, Geschichte, gegenwärtige Diskussionspunkte und Handlungsfelder der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin Medienpädagogik. Mit der neuen Ausgabe ist ein vollständig aktualisiertes  und erweitertes medienpädagogisches Grundlagenwerk entstanden, das umfassend medientechnologische Entwicklungen und zukünftige Trends berücksichtigt.“ (aus dem Klappentext)

In der Tat finden sich gegenüber der Fassung von 2008 einige neue Artikel, Diskussionen und auch theoretische Rahmungen, die ins Handbuch aufgenommen wurden. Diese bilden meines Erachtens ab, wie sich die Medienpädagogik als Disziplin weiterentwickelt. Zugleich werden auch die unterschiedlichen Strömungen erkennbar, die Medienpädagogik im Diskurs immer wieder neu verhandelt. Dazu zählen neben der Erziehungswissenschaft sicherlich prominent die Kommunikationswissenschaft, aber auch die Soziologie, Medien- und Sozialpsychologie sowie weitere Bezugswissenschaften. 

In dieser interdisziplinären Gemengelage widmet sich auch mein Beitrag im Handbuch Medienpädagogik der Institution Hochschule. Soweit ich weiß (und recherchieren konnte), wird damit Hochschule erstmals in einem deutschsprachigen, medienpädagogischen Handbuch diskutiert und in Verbindung mit dem Verständnis von Institution gebracht. Gerade weil ich mich beim Schreiben des Beitrags gefragt habe, welcher Institutionenbegriff nicht zuletzt der Beitragseinladung zugrunde lag, führe ich zunächst eine spezifische Sicht auf Hochschulen als Organisation ein, ehe ich zu einer Systematisierung für die Medienpädagogik komme. 

Für die folgende Systematisierung habe ich mich am vierfachen Organisationsverständnis von Renate Mayntz orientiert, die – interessanterweise neben Krankenhäusern und Verwaltungseinrichtungen – Hochschule in ihren Ausführungen betrachtet hat. Zugleich werden bereits bei Mayntz Hochschulen als soziale Organisationen aufgefasst, was im Zusammenhang mit Medienpädagogik von besonderer Bedeutung ist. So grenzt sich dieses Verständnis von der bloßen betrieblichen Organisation u. a. von Medienpädagogik ab, bietet also die Chance, auch Medienpädagogik im Kontext ihrer Gemeinschaft(en) zu betrachten und die Sichtweise erlaubt Anschlüsse dahingehend, welche Rolle Menschen in Organisationen haben/einnehmen. Dazu müsste aber ein relationales (und eben kein instrumentelles) Organisationskonzept zugrunde gelegt werden, wie ich im Beitrag vorschlage. 

Obschon der Beitrag weit vor der Pandemie entstanden ist, ergeben sich doch mehrere Anschlüsse an die Diskussionen in der zurückliegenden Zeit: 

So stellt sich umso mehr die Frage nach der Relevanz, aber auch nach der Legitimation medienpädagogischen Handelns. In der Pandemie wurde vielfach sichtbar, dass Hochschulen über weite Strecken lediglich unter der Metapher des Betriebs bzw. der Organisation von Betrieb verstanden wurden – ich erinnere nur an Begrifflichkeiten wie Emergency Remote Teaching oder schlicht den Notbetrieb. Hier das eigene Verständnis von Hochschule zu prüfen, wäre allein schon deswegen von Bedeutung, weil es dann nicht um die Aufrechterhaltung von Betrieb, sondern vielmehr um die Frage ‚Was ist Universität?’ oder auch ‚Was ist Hochschule’ ginge. Auch daher gerät die Organisationswerdung von Universität und Hochschule in ihrer Historizität in den Blick.

Zur Pandemie passt letztlich auch der Beitrag zu Open Educuational Ressources (OER), den ich ebenfalls für das Handbuch Medienpädagogik verfassen durfte. Auch OER werden erstmals im Handbuch besprochen – als Diskussionsfeld der Medienpädagogik. Zum Zeitpunkt der Artikelproduktion stand also noch zur Debatte, inwieweit OER als Teil professionellen medienpädagogischen Handelns konzipiert werden können und sollen. Auch deswegen erläutere ich im Beitrag einmal mehr, was OER sind und welchen Beitrag Medienpädagogik mit ihren Akteur*innen in dieser Diskussion leisten könnte. Die zurückliegenden OERlabs dienen schließlich als Beispiel. 

In der Pandemie mag es nun ein fast zynisch klingen, wenn ich im Beitrag zeige, dass OER oft an (organisationalen) Optimierungsprozessen anknüpfen und dass Ungleichheiten durch OER eher verstärkt als abgemildert werden. Dass dieses ambivalente Bild von OER nämlich ziemlich genau zu dem passt, was derzeit in fast allen Bildungskontexten diskutiert wird, mag auch daran liegen, dass die Pandemie soziale (Problem-)Lagen nicht nur spiegelt, sondern in ihren Ausprägungen noch verdichtet. Diesen Aspekt werden mein Team und ich sicherlich auch in unserem Papier betonen, das dem BMBF im Zusammenhang mit der partizipativen Erstellung der OER-Strategie des Bundes am Ende dieser Woche zugehen wird. 

b. Blicke in den Band „Wie Corona die Hochschullehre verändert“ (Dittler & Kreidl, 2021)

Es bleibt der Blick in den Herausgeberband von Dittler und Kreidl, die inmitten des ersten Lockdowns mit einer Beitragsanfrage für ihr Buch „Wie Corona die Hochschullehre verändert“ auf mich zukamen und rasch erkannten, dass diese spezielle Zeit dokumentiert werden müss(t)e. 

Dabei stand für mich ‚damals’ weniger die Digitalisierung von Lehr-Lernangeboten im Vordergrund – meine Veranstaltungen waren ohnehin längst in Form von Blended Learning organisiert und mussten „nur“ noch in ein 100%-Online-Format überführt wurden. Auch diverse OER lagen zum Einsatz in Vorlesungen wie auch in den Seminaren vor. Doch eine Diskussion hat nicht nur mich, sondern den gesamten Arbeitsbereich Medienpädagogik in dieser Zeit beschäftigt: 

– Wie können Studierende eigentlich ihre mannigfaltigen Erfahrungen im Zuge ihres ersten Semesters in dieser bis dato nicht gekannten Form zum Teil ihres Studiums machen? 

– Welche Aufgabe und Verantwortung haben wir als Hochschullehrende, gesellschaftliche Entwicklung und Kernanliegen auch zum Gegenstand von Lehre zu machen? 

Mit diesem Blick haben Kai-Uwe Hugger und ich das Seminar „#Covid-19: Beobachtungen, Beschreibungen, Analysen und Reflexionen aus studentischer Sicht“ aus der Taufe gehoben. Mit dem Seminar geben wir zudem Einblick darin, wie Lehre aus lebensweltlicher Perspektive an aktuellen Gegebenheiten anknüpfen kann und warum sich hier eine besondere Passung von medienpädagogischen Anliegen und Universität ergibt. 

Zweifelsohne interessant ist auch nachzulesen, wie unterschiedlich das Sommersemester 2020 von den am Band beteiligten Kolleg*innen erlebt wurde und welche Aspekte sie in ihren jeweiligen Artikeln oder Interviews in den Fokus rücken. So wird meines Erachtens auch deutlich, dass organisationales Handeln mit der bereits genannten Aufrechterhaltung von Betrieb auf den üblichen Handlungsebenen von Hochschule adressiert wurde, die Pandemie aber gleichwohl Anforderungen an Hochschulen als Organisation stellte, die vermutlich erst weit nach der Pandemie umfassend sichtbar werden und abseits einer Semesterlogik oder einem Notbetrieb nur gemeinsam und querliegend zu den (betrieblichen) Handlungsebenen zu bewältigen sind. 

Literatur

Hofhues, S. (2021). Diskussionsfelder der Medienpädagogik: Open Educational Ressources (OER). In U. Sander, F. von Gross & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Medienpädagogik. 2. vollständig aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Auflage (S. 1-9, online first). Wiesbaden: Springer. (Artikel)

Hofhues, S. (2021). Institutionen der Medienpädagogik: Hochschule. In U. Sander, F. von Gross & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Medienpädagogik.2. vollständig aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Auflage (S. 1-9, online first). Wiesbaden: Springer. (Artikel)

Hofhues, S. & Hugger, K.-U. (2021). #Covid-19: Beobachtungen, Beschreibungen, Analysen und Reflexionen aus studentischer Sicht. In U. Dittler & C. Kreidl (Hrsg.), Wie Corona die Hochschullehre verändert (S. 281-292). Wiesbaden: Springer. (Artikel)

Beitrag „Hochschule und informelles Lernen“

Kurz vor Weihnachten ist auch der Beitrag „Hochschule und informelles Lernen“ von Jennifer Grüntjens und mir in der „Enzyklopädie Erziehungswissenschaft online“ erschienen. Aus dem Abstract:

„Der Beitrag zielt darauf ab zu zeigen, unter welchen Bedingungen von informellem Lernen in Hochschulen gesprochen werden kann. In Kapitel 1 stehen dazu zunächst, gefasst unter der Überschrift „Hochschulen im Diskurs“, Begriffsklärungen zu Universität und Hochschule mit erziehungswissenschaftlicher Perspektivierung im Vordergrund. Es schließen sich Theorien und Konzepte informellen Lernens in Kapitel 2 an, ehe auf vorliegende empirische Forschungsarbeiten zum informellen Lernen an Hochschulen geblickt wird. So legt Kapitel 3 offen, dass mit dem informellen Lernen an Hochschulen meist Diskussionen um Lernformen und Lernorte verknüpft sind. Vor diesem Hintergrund ordnet Kapitel 4 Forschungsperspektiven für die Erziehungswissenschaft ein, die infolge der zunehmenden Befassung der Hochschulen mit informellem Lernen zu verfolgen wären. Fokussiert wird die Fragestellung, welche Perspektiven und Anschlüsse sich im interdisziplinären Feld der Hochschulbildungsforschung durch existierende (empirische) Forschung über informelles Lernen ergeben.“ (Hofhues & Grüntjens, 2020)

Ich hoffe, dass viele Hochschulen Zugang zum Beitrag haben, da er sonst nur hinter Paywall verfügbar ist.

Quelle: Hofhues, S. & Grüntjens, J. (2020). Hochschule und informelles Lernen. In M. Harring & M. D. Witte (Hrsg.), Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (Teilgebiet: Informelles Lernen). Weinheim: Beltz.