Data-Driven Schools #CfP

Im Anschluss an den leider ausgefallenen DGfE-2020-Kongress und das „All is data (Aid)“-Projekt rufen wir – Mandy Schiefner-Rohs, Andreas Breiter und ich – zur Einreichung von Beiträgen zum Thema „Datengetriebene Schule“ (engl. Data-driven Schools) auf. Aus dem Call (dt. Fassung):

„Die Steuerung durch Zahlen (Grek 2009; Hartong 2016) genauso wie die Quantifizierung des Sozialen (Mau 2017) scheinen zu einem neuen Paradigma für die Bildungspolitik und Bildungsadministration geworden zu sein. (Inter-)Nationale Schulleistungstests, Schulinspektionen oder (Hochschul-)Rankings sind beispielhafte Formen einer Bildungssteuerung mit und durch Daten bzw. Zahlen (für die Schule z.B. Altrichter 2010). Während dabei bisher vor allem Daten über Lernende und deren Leistungen erzeugt werden, werden im Zuge der Digitalisierung weitere Datenquellen explizit oder implizit erschlossen: Denken wir nur an Lernsoftware, die oft als explizite Datenquelle für Forschung und Praxisgestaltung dient, oder an die impliziten «digitalen Spuren» (engl. digital footprints oder traces), die wir alle in Softwareprodukten hinterlassen und die prinzipiell von unterschiedlicher Seite erschlossen werden können. Werden Datensätze miteinander verbunden, spielen häufig Learning Analytics vor dem Hintergrund der Diskussionen um Individualisierung und Digitalisierung eine Rolle – wenngleich diese Tendenz im pädagogischen Umfeld mithin kritisch betrachtet wird (u.a. Büching et al. 2019; Allert, Asmussen und Richter 2018). All diese Entwicklungen spielen sich im Rahmen der durch ‹Digitalität› geprägten Gegenwart ab, die sich durch spezifische normative Setzungen, Machtkonstellationen und letztlich veränderte Rahmenbedingungen pädagogischen Handelns auszeichnet. Optimierung erscheint hier als ein tief in der ‹Digitalität› verwurzeltes Prinzip, welches eine erziehungswissenschaftliche Perspektive herausfordert, indem Gegenstandsbereich und Forschungspraxis, aber auch Handlungskonzepte unmittelbar von Transformationsprozessen betroffen sind.

Alle genannten Beispiele zielen letztlich auf eins: auf die Optimierung des Lehrens und Lernens durch Daten, Zahlen und jüngst Algorithmen. Der Begriff der Datafizierung nimmt deswegen im Diskurs diese Zielperspektive auf. Er legt mit aller Kraft offen, was unter den sichtbaren Tendenzen in der Bildung, insbesondere aber im Kontext Schule unter Daten verstanden wird: So ist mit der Digitalisierung dort einerseits ein verdichteter, hochkomplexer Prozess der Kommunikation und Interdependenzbewältigung von Menschen in ihren Handlungskontexten festzustellen. Das Soziale selbst wird darin zur Objektivation kommunikativen Handelns (Knoblauch 2017) und stellt sich in hohem Masse datenbasiert und/oder -gesteuert dar. Andererseits entstehen durchaus neue datenbasierte Praktiken, die sich in Schulen im Speziellen und in Bildungsorganisationen im Allgemeinen analysieren, beschreiben, beobachten und reflektieren lassen. Darüber hinaus werden Daten als Referenzpunkte für individuelle oder gemeinsame, für implizite oder explizite Entscheidungen immer häufiger automatisch erzeugt, sodass das Soziale auf einzelne Datenpunkte, Zahlen- respektive Schwellenwerte und/oder Indizes zugespitzt wird. Prietl und Houben (2018) sprechen aufgrund dieser offensichtlichen Reduktion von Komplexität gar von einer Datengesellschaft.

Aus medienpädagogischer Sicht werden mit Daten, Zahlen und Algorithmen diverse Forschungsperspektiven aufgeworfen sowie Gestaltungsfragen insbesondere an den Kontext Schule gestellt. Sie siedeln sich an in den Bildungsorganisationen selbst, indem beispielsweise nach den konkreten Angebotsstrukturen und Massnahmen im Umgang mit der Datengesellschaft in der Schule gefragt wird. Sie werfen Fragen nach interdisziplinärer Forschung und Entwicklung im Schulkontext auf, wenn erst das Zusammenspiel von (Medien-)Pädagogik und Informatik Forschungsfragen im Feld beantworten lässt (u.a. Breiter und Jarke 2019). Es deuten sich zudem vielfältige Anlässe für Kooperationen, aber auch für Abgrenzungen zwischen Politik, Verwaltung, Bildungsorganisationen und den Menschen sowie zwischen Datenproduktion und -konsum an (vgl. Hartong 2016). (Inter-)national lässt sich an der wachsenden Bedeutung sozialer Vermessungspraktiken, Datafizierung und Algorithmen im Bildungssektor anschliessen (z.B. Boyd und Crawford 2012; Espeland und Stevens 2008; van Dijk 2014; Kitchin 2016; Selwyn 2016; Knox et al. 2019).

Daten, so viel lässt sich bis hierhin aus dem Diskurs festhalten, beschreiben nicht nur soziale Wirklichkeiten – sie erschaffen oder verändern diese infolge ihrer blossen Verfügbarkeit oder der Orientierung daran. So lässt sich schon jetzt eine Verhaltenssteuerung durch Algorithmen beobachten (z.B. Manolev, Sullivan, und Slee 2019), die ebenfalls (nicht nur) medienpädagogisch zu reflektieren ist. Software bzw. Dateninfrastrukturen sind entgegen naiver Annahmen nicht neutral – es werden soziale Relationen und Ungleichheiten darin technisch eingeschrieben (Dalton und Thatcher 2014; Fuller 2008; Kitchin und Lauriault 2014; Lachney, Babbitt und Eglash 2016, Hartong 2020).“ (Auszug aus dem Call)

Der vollständige Call ist unter medienpaed.com verfügbar. Wir freuen uns auf Beitragsvorschläge bis zum 31.7.2020.

Aid

Am 1.5. startet unser neues Aid-Projekt (siehe hier, hier und hier).

Das Projektakronym Aid steht für „All is data“ und ist B. Glaser entlehnt. Zumindest wird er mit diesem Ausspruch in Verbindung gebracht – zusammen mit einem konstruktivistischen Verständnis von Daten (siehe eine Selbstpositionierung hier). Damit ist auch schon das Themenfeld benannt, in dem sich das Aid-Projekt bewegen wird: So spüren wir vor allem den impliziten Prozessen nach, die durch das Vorhandensein und/oder die Erzeugung von (digitalen) Daten im schulischen Kontext in Gang gesetzt werden. Dabei stützen wir uns u.a. auf die Annahme, dass gerade die impliziten Prozesse für Lernen und Bildung der Schüler*innen folgenreich sind, wenngleich das Projekt bei Pädagog*innen (Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen etc.) den Ausgang nimmt. Gefördert wird Aid durch das BMBF in der Förderlinie „Digitalisierung II“ (siehe hier).

Auf das Projekt und die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten mit ihrer Perspektive auf „Daten-Bildung“ freue ich mich sehr.

Nachgedacht (über ein Interview)

Es sind die Anlässe, die – mehr oder weniger inszeniert – dazu führen, dass eine Information zur Nachricht wird. Das zeigte 1989 Hans Mathias Kepplinger in einer Ausgabe der APuZ auf. So wurde sicherlich nicht zufällig in der zurückliegenden Woche sehr viel darüber berichtet, wie sich ganze Universitäten und Hochschulen auf ihren Weg ins „Digital-Semester“ machen. Eines dieser Interviews habe ich auch gegeben – beim Bayerischen Rundfunk (hier verfügbar). Dass ich mit dem Interview nun stellvertretend für die Praxis an der Universität zu Köln stehe, ist ein wenig befremdlich, aber sicherlich dem Modus geschuldet (Stichwort: Expertengesellschaft, siehe hier). So kenne ich sehr viele unterschiedliche Umgangsweisen mit der aktuellen Situation – fast alle Kolleg*innen sind sehr engagiert, ihre üblichen didaktischen Überlegungen auch digital umzusetzen, andere erfinden neue didaktische Szenarien, wieder andere distanzieren sich von all dem. Dabei wird in Massenmedien, so mein Eindruck, meist nach der einen Formel gesucht, mit der man Lehrveranstaltungen kurzfristig digitalisieren und für eine breite Studierendenschaft im technischen Sinne verfügbar machen könnte. Versteht man die aktuellen Anforderungen als drängendes Organisationsproblem, mag sich das Digital-Semester genauso darstellen. Mit Blick auf die Erkenntnisse einer ganzen Disziplin – der Medienpädagogik/-didaktik – sind die gegenwärtigen Anforderungen aber nicht ganz so einfach oder gar ‚hands-on’ mit ein wenig mehr Technik zu lösen. Denn für den Hochschulkontext stellt sich ganz genauso wie für andere Bildungskontexte (etwa für die Schule) die Frage danach, welche Folgen jegliche Formen der Digitalisierung nach sich ziehen werden. In den Fokus rücken so vor allem diejenigen Konzepte, die praktisch funktionieren, weniger diejenigen, die konzeptionell ‚richtig’ sein könnten oder vielleicht im Lehrbuch stehen. Darauf möchte ich aber nicht so sehr zu sprechen kommen – wichtiger finde ich in den Blick zu nehmen, welche unsichtbaren Konsequenzen eine Spontandigitalisierung mit einer Quick&Dirty-Skalierung auf 100 Prozent haben wird. Denn schon jetzt sind die Sorgen und Ängste von Studierenden deutlich spürbar – einige davon sind existenziell, andere sind eher auf die Art des Lernens und/oder des Studierens gerichtet, wenn Studieren plötzlich und vermeintlich anders geht. Diese Erfahrungen sollten nicht unreflektiert bleiben – jetzt in der Onlinelehre und später im Kontext der Hochschule(n) als Organisation.

Eigentlich, ja eigentlich

… habe ich mir für den März 2020 vorgenommen, an dieser Stelle über den großen DGfE 2020-Kongress zu schreiben. Oder voller Freude auf die neue Ausgabe der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZfHE) zu verweisen, die in diesen Tagen zu „Forschungsperspektiven auf Digitalisierung in Hochschulen“ absehbar online gestellt würde. Die Planungen für den Kongress sind derweil Geschichte. Auch er musste – wie viele Veranstaltungen dieser Tage – abgesagt werden. Sicherlich, die digitalen Angebote im ConfTool der Konferenz (zum Log-in) trösten über den fehlenden Austausch hinweg, indem u.a. Parallelvorträge Einblicke in zentrale Überlegungen zum Kongressthema geben oder beinahe alle eingereichten Poster online zu betrachten sind. Den echten Kongress hätten wir dennoch sehr gerne ausgerichtet, so viel ist klar.

Online zu betrachten ist nun auch die neue ZfHE-Ausgabe zum genannten Thema (zum Editorial). Als wir vor ca. zwei Jahren den Call auf den Weg gebracht und im letzten Jahr für die Einreichung von Beiträgen geworben haben, hat sicherlich niemand von uns im Sinn gehabt, vor welchen Herausforderungen die Hochschulen in diesen Tagen in Bezug auf ihre Digitalisierung stehen würden. So ist zu hoffen, dass viele Lehrende gegenwärtig auch die Gelegenheit nutzen, sich mit Forschung in diesem Feld zu befassen. Denn so manches Forschungsergebnis gibt auch Aufschluss darüber, was im Zusammenhang mit der Digitalisierung in und an Hochschulen (nicht) gelingt. Überhaupt würde ich mir wünschen, dass bei allem notwendigen Pragmatismus die Reflexion nicht zu kurz kommt.

Noch ein neues Projekt: Beteiligung an der Digitalstrategie Lehrer*innenbildung Köln (DISK)

In der Qualitätsoffensive Lehrer*innenbildung des BMBF wurde im zurückliegenden Jahr eine vertiefende Förderung für Vorhaben in und zur Digitalisierung ausgeschrieben. Hierbei war auch die Universität zu Köln erfolgreich: Unter dem Titel „Digitalstrategie Lehrer*innenbildung Köln: Kompetenzen nachhaltig entwickeln (DiSK)“ sollen in den nächsten (knapp) vier Jahren Medienkompetenzentwicklung und Medienbildung von (angehenden) Lehrer*innen in den Blick genommen werden (zur Projektdatenbank). In den Verbund sind unterschiedliche Kolleg*innen aus Fachwissenschaften und Fachdidaktik wie auch aus den Erziehungs- und Bildungswissenschaften involviert. Die medienpädagogisch/-didaktische Sicht bringt der Arbeitsbereich im so genannten „DISK-Forum“ ein, das nach dem Vorbild der OERlabs zu Kommunikation und Austausch in der Lehrer*innenbildung anregen soll. Aufgrund der Vorgaben durch das Land NRW (siehe Medienkompetenzrahmen) gibt es ohnehin Kommunikationsanlässe genug.

Neues BMBF-Projekt „DocTalk“

In einer ausgeprägt interdisziplinären Konstellation ist im Februar das Projekt „DocTalk“ an den Start gegangen (zur Projektdatenbank des DLR/BMBF). Zusammen mit der Charité Berlin (Matthias Rose/Sabine Sayegh-Jodehl) und der FU Berlin (Claudia Müller-Birn) wird in diesem Projekt professionelles Medienhandeln von Ärzt*innen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung untersucht. Während wir den medienpädagogischen Teil im Projekt übernehmen (u.a. Gruppendiskussionen, Co-Creation-Workshops), werden von Kolleg*innen der Informatik Chatbots zu Beratungszwecken entworfen. Die Kliniken der Psychosomatik der Charité bieten den Anwendungs- und Erprobungsfall. Auf den Verlauf des Projekts bin ich sehr gespannt, insbesondere weil wir vorhaben, sozialwissenschaftliches Wissen über Ärzt*innen und Klinikorganisationen mit Aspekten von Medienbildung zu einer erziehungswissenschaftlichen Medien- und Organisationsforschung zu verbinden. Über dieses Unterfangen werden Christian Helbig und ich sicherlich an der einen oder anderen Stelle berichten.

Druckfrisch: Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung

Für das neue „Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung“, herausgegeben von Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, Friederike Siller, Angela Tillmann und Isabel Zorn, mache ich an dieser Stelle gerne ein wenig Werbung. Immerhin gelingt es den Kolleg*innen sehr gut, unterschiedliche Beiträge für Felder Sozialer Arbeit in einem Handbuch zu versammeln und diverse Fragen an den Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Digitalisierung zu richten. Dass das Handbuch im Open Access-Format erschienen ist, passt zudem besonders gut zum Gegenstand – und freut mich nicht zuletzt deswegen, weil ich einen Beitrag zu „Openness in der Sozialen Arbeit“ beisteuern durfte. Anstelle einer knappen Leseprobe gibt es daher an dieser Stelle gleich den Link zum (Hand-)Buch. Viel Freude bei der Lektüre!

Tagungsband zur „Digitalisierung des Bildungssystems“

In der Reihe „Lehrer*innenbildung gestalten“ ist jüngst Band 12 zur „Digitalisierung des Bildungssystems“ (herausgegeben von André Bresges und Alexandra Habicher) erschienen. Aus der Buchstruktur wird bereits deutlich, worauf der Band rekurriert: nämlich auf eine zurückliegende Tagung, die durch das hiesige Zentrum für Lehrer*innenbildung ausgerichtet wurde. Entsprechend versammelt der Band nun unterschiedliche Beiträge, die im Zusammenhang mit dieser Tagung stehen und aus diversen Blickwinkeln auf schulische Medienbildung schauen. Der von Bence Lukács und mir beigesteuerte Beitrag zu den „OERlabs zwischen Bildungsinnovation und medienbezogenen Routinen in der Lehrer*innenbildung“ findet sich beispielsweise in Bereich III, innerhalb dessen die „Aufgaben in einer digitalen Bildungslandschaft (#education)“ betrachtet werden. Neben unserem Beitrag finden sich dort auch Texte von Renee Hobbs, Kai-Uwe Hugger sowie Daniela Schmeinck, die letztlich auch Fragen zwischen Medienkompetenz und Medienbildung aus ihrer Fachlichkeit betrachten.

„Lust oder Frust?“ Dokumentation der 10. GEW-Wissenschaftskonferenz

Unter dem Titel „Lust oder Frust? Qualität von Lehre und Studium auf dem Prüfstand“ ist dieser Tage die Dokumentation der 10. GEW-Wissenschaftskonferenz erschienen (Download .pdf). Deutlich wird die Spannweite der Diskussionen über Studium und Lehre, wie sie viele aus ihrer täglichen Arbeit an Hochschulen kennen und begleiten. Daher bietet die Dokumentation sicherlich einen hilfreichen Einblick über gewerkschaftliche Positionen hinaus. Ich selbst habe einen Beitrag zur Digitalisierung an Hochschulen beigesteuert, der in aller Kürze diesbezügliche Diskurse benennt und in Ansätzen auch zusammenführt.

Rezension zu „Open Education“

Seit es Blogs gibt, sind Rezensionen irgendwie aus der Mode gekommen. Dabei regen sie Diskurs an und werden an tradierten Orten der wissenschaftlichen Community publiziert. Auch deswegen habe ich den Sommer gerne mit Markus Deimanns Habilitationsschrift zu „Open Education“ verbracht und sie für die Online-Zeitschrift MedienPädagogik rezensiert. Aus dem Sommer wurde Herbst und nun ist das Ergebnis (endlich) online verfügbar (Überblick; Download PDF).